"Kleine Zeitung" Kommentar: "Schicken Sie eine persönliche Drohung - am besten als Video" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 22.11.2007

Graz (OTS) - Haben Sie etwas mitzuteilen? Möchten Sie der Welt etwas sagen? Oder auch nur Ihrem Chef? - Dann schicken Sie doch eine Drohbotschaft, am besten ein Droh-Video. Das haben alle Medien lieb. So lieb, dass Sie es gratis und großflächig weiterleiten. Sie ersparen sich Abertausende Euro an Inseratenkosten und erzielen maximale Wirkung.

So geschehen dieser Tage. Nicht zum erstenmal und sicher nicht zum letztenmal.

Im ORF setzte Birgit Fenderl eine staatstragende Miene auf, bevor sie sagte: "Der ,Report' hat sich entschlossen, dieses ihm zugespielte Video zu veröffentlichen." - Warum eigentlich? Man hätte es einfach im Innenministerium, im Bundeskanzleramt abgeben können. Oder bei der nächsten Polizeiwachstube. Kein Österreicher hätte dadurch ein erhöhtes Risiko oder gar einen Schaden gehabt. Und die zuständigen Behörden hätten in Diskretion und Ruhe ermitteln können.

Altgestandene Journalisten werden jetzt vielleicht etwas von "Informationspflicht" murmeln. Jüngere KollegInnen werden es schlicht eine "geile Story" nennen und damit der Sache schon näher kommen:
Erstens hatte der ORF schon in allen Radionachrichten werbend auf die am Abend bevorstehende Ausstrahlung des Filmes verwiesen. Und zweitens wetteiferten tags darauf die Zeitungen, dem Ding gedruckt und auf ihren Web-Portalen eine breite Öffentlichkeit zu verschaffen.

Für die Autoren des Videos ein Fest. Das Internet bietet zwar theoretisch eine weltweit zugängliche Werbefläche. Aber das Objekt, die Mitteilung, muss von jedem einzelnen Kunden erst aufgesucht werden, um zu einer wirklich massenhaft wahrgenommen Botschaft zu werden. Terror auf Nachfrage sozusagen.

Ganz anders funktioniert es indes, wenn eine Nachricht von schon existenten Massenmedien ihrer schon existenten Massenkundschaft unverlangt serviert wird. Dann sind mit einem Schlag Millionen erreicht. De facto kann man heute jeden Studenten-Spaß auf diese Art lancieren.

Dass massiv im Wettbewerb stehende Privat-Medien so agieren, kann man zur Not noch erklären, wenn schon nicht entschuldigen. Dass eine öffentlich-rechtliche Anstalt den Startschuss setzen musste, ist nicht einsichtig.

Das Internet hat die so genannte Informationspflicht relativiert: Wer will, kann (fast) alles erfahren. Und dennoch leiden die traditionellen Medien in bisher ungeahntem Ausmaß an informatöser Inkontinenz statt sich auf eine neue publizistische Destillationspflicht zu besinnen. ****

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