"Presse"-Kommentar: Verabschieden wir uns von den Dreißigerjahren! (von Martina Salomon)

Ausgabe vom 22. November 2007

Wien (OTS) - Zum früheren Frauenpensionsalter herrscht Denkverbot. Aber es gibt kein einziges vernünftiges Argument dafür.
Warum dürfen Frauen noch ziemlich lange fünf Jahre früher als Männer in Pension gehen? Weil Politiker, die das ändern wollen, sofort politisch mausetot wären.
Wolfgang Schüssel hat gemeint, man sollte über das Frauenpensionsalter und über mehr Flexibilität nachdenken. Er hat keineswegs eine generelle gesetzliche Änderung gefordert. Trotzdem hat die SPÖ umgehend ihre Sirenen eingeschaltet. Darin hat sie Übung (und war auch immer erfolgreich): "Wehrt euch gegen Rentenraub, wählt SPÖ", plakatierte sie 1953 und unterstrich das mit der fetten schwarzen Gestalt eines Kapitalisten. Und damit es wirklich alle kapieren, prangte auf seinem Gesicht auch noch das ÖVP-Logo. Seither hat sich praktisch nichts geändert. 2007 klingt das so: "Schüssel-ÖVP will die Frauen länger arbeiten lassen" (Titel der gestrigen Aussendung der SPÖ-Parteizentrale).
Verkehrte Logik: Fordert denn nicht gerade die Sozialdemokratie seit Jahrzehnten, dass Frauen nicht "an den Herd gefesselt" sein sollen? Das kann im Grunde also nur Folgendes heißen: Junge Mütter sollen gefälligst arbeiten gehen. Aber wenn die Kinder dann erwachsen sind, wird die Doppelbelastung mit einem früheren Pensionsantritt ausgeglichen. Na bravo!
So war es aber nie gedacht. In den Dreißigerjahren waren berufstätige Frauen die Ausnahme - und wenn, waren sie meist unverheiratet sowie kinderlos, also mit einem geringeren Versicherungsrisiko ausgestattet als Männer, die ja Witwen und Waisen hinterließen. Aus diesem Grund forderten die Arbeitnehmerinnen damals niedrigere Versicherungsbeiträge. Man einigte sich schließlich auf den Bonus des früheren Pensionseintritts. Inzwischen hat sich die Erdkugel ein paar Mal gedreht. Aber bis 2024 bleiben wir - natürlich verfassungsrechtlich geschützt - in den Dreißigerjahren hängen. Erst ab dann werden Frauen schrittweise später in Pension gehen, ab 2033 ist dann Gleichheit geschaffen. Einen so großen Unterschied zwischen Männer- und Frauenpension gibt es fast nirgendwo. Innerhalb der EU sind das nur die Polen - und außerhalb die bekannt feministischen Länder Türkei und Tunesien.
Das passt zur österreichischen Haltung, dass nämlich Arbeiten Hölle, die Pension aber der Himmel ist. Doch für manche, die dann drei Jahrzehnte daheim sitzen müssen, verdüstert sich der Himmel. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, führt nicht selten zu Einsamkeit und Depression - und zu einer unbestimmten Wut "auf die da oben", die das Pensionistenheer ja bekanntlich ständig vernachlässigen.
Aber es sind nicht nur die Arbeitnehmer, die sich so bald wie möglich in die (Früh-)Pension verabschieden wollen. Auch Arbeitgeber freuen sich, teure, weil ältere Arbeitnehmerinnen spätestens mit 60 loszuwerden. Nebenffekt: Schon mit 50 sind Frauen damit im Gegensatz zu Männern "zu alt" für einen Karriereschritt. Aber die heute Sechzigjährigen sind nicht mehr mit ihren Großmüttern vergleichbar. Sie sind gesünder, kleiden sich modisch, joggen nicht selten noch im Prater, überleben ihre männlichen Altersgenossen in der Regel und sind immer häufiger kinderlos. Warum sollten sie fünf Jahre früher als Männer zum alten Eisen zählen?
Leider herrscht über dieses Thema absolutes Denkverbot. So schnell konnte man gestern gar nicht schauen, wie die ÖVP zurückruderte. Betroffene, die Reformen wünschen, müssen sich daher selbst auf die Füße stellen. Von feministischer Seite ist nichts zu erwarten. SPÖ-Frauenministerin Doris Bures kritisierte Schüssels "unerhörten Angriff auf die Frauen". Puh, wir zittern schon!
Die Politik könnte die (zugegeben noch nicht massenhaft auftretenden und meist gut qualifizierten) Frauen, die sich mit 60 zu jung für die Rente fühlen, dennoch unterstützen. So hat die letzte Regierung immerhin Pensionszuschläge für jene Menschen beschlossen, die über das gesetzliche Pensionsalter hinaus arbeiten, und Firmen-Sozialabgaben für ältere Arbeitnehmer verringert. Aber für Unternehmen müssten noch viel mehr Anreize geschaffen werden, Ältere nicht nur zu behalten, sondern ihnen auch adäquate Arbeitsbedingungen zu bieten. Die Voest ist ein Vorbild, wie man die Erfahrung Alter und die Neugier Junger sinnvoll verknüpft.
Der Zeitpunkt ist günstig: Weil der Arbeitskräftenachwuchs schrumpft, wird man darüber nachdenken müssen, wie man Ältere bei der Stange hält. Irgendwann müssen die Dreißigerjahre raus aus den Köpfen.

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