Der Standard - Kommentar: "Schnee begräbt die Klimasorgen" von Otto Ranftl

Das Wetter spielt nicht mit: Die Warnungen des Weltklimarates werden verhallen - Ausgabe vom 17./18.11.07

Wien (OTS) - Aller Pessimismus ist berechtigt. Im spanischen Valencia beraten Fachleute aus der ganzen Welt die ultimative Schlussfolgerung aus den alarmierenden Weltklimaberichten. Und in Österreich schneit es, dass es eine Freude sein könnte. Das kann nichts werden.
Der Mensch ist nicht empfänglich für Katastrophennachrichten, wenn vor den Fenstern lustig die Flocken tanzen. In der kleinen österreichischen Welt hat man dann anderes im Sinn. Die Kinder auf die Rodel setzen, ans Skifahren denken; Weihnachtsmärkte sperren auch noch auf. Und wer meckern will, hat die rumänischen und bulgarischen Lastwagenfahrer, die sich ohne Schneeketten hierher trauen. Eingebettet sein in wohlige Empfindungen, das ist für den Augenblick wohl auch in Ordnung. Angst machen die Überlegungen, die unausweichlich folgen. Schon wird spekuliert, ob die Umsatzeinbußen des vorigen Winters wettgemacht werden können, wie an frühere Erfolge angeschlossen werden kann. Den Skilift schon einmal einschalten, die Saison früher beginnen (im vorigen Jahr hat sie für viele gar nie angefangen) und sich darauf freuen, dass die Leute jetzt auf den Gusto kommen und endlich wieder die Sportgeschäfte leerkaufen.
Ja, an solchen Tagen wird Österreich wieder zum Alpenparadies, das es so gerne immer sein will. Einen Augenblick lang scheint alles so zu sein, wie es sein soll (am Autobahnchaos sind ja eben nicht wir schuld).
In bitterer Weise bewahrheiten sich die Prognosen. Der vergangene schneelose Winter wurde als Unglück, als Bote des Klimawandels begriffen. Experten warnten: Das besage nichts, es würden wieder extrem schneereiche Winter kommen - und dann seien die Befürchtungen vergessen, die Bereitschaft zur Änderung des persönlichen Lebensentwurfs Makulatur.
Der Schneefall dieser Woche bestätigt sie. Eine Überdosis G’fühl erdrückt die Ängste, die uns antreiben sollten. Das ist der bittere Zusammenhang zwischen dem Schnee im Wienerwald und den unter Druck für dieses Wochenende fertiggestellten UNO-Klimadokumenten in Valencia.
In Spanien wurde nicht debattiert, ob, sondern nur wie viel die Durchschnittstemperatur steigen wird. Zwei Grad mehr, und die Mehrheit der Korallen bleicht aus, drei Grad mehr, und 30 Prozent der Küstenfeuchtgebiete gehen verloren, steht in den Berichten.
In den Alpen macht sich der Temperaturanstieg noch stärker bemerkbar. Im Vorjahr wurde etwa um diese Zeit eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit öffentlich, die zeigt, dass rund 70 Prozent der Wintersportregionen Österreichs in Zukunft um Schneesicherheit fürchten müssen.
Eh klar, könnte der gelernte Österreicher heute mit der Schneeschaufel in der Hand antworten, wir ersticken im Schnee, und UNO und OECD machen sich Sorgen.
Bis zum Ende des Jahrhunderts droht eine "beispiellose" Klimaerwärmung, Österreich muss mit mehr Stürmen und mehr schweren Regenfällen rechnen, zitierte der Standard Anfang Februar dieses Jahres aus dem UNO-Klimabericht. Alles schnell vergessen.
Gut möglich, dass in der Euphorie des frühen Schnees schon irgendwo die im vorigen Winter abgelegten Pläne für den Bau eines Skilifts in Tallage hervorgeholt werden. Pläne für mehr Energieeffizienz, für weniger Ressourcenverbrauch wären wichtiger und richtiger.
Gut möglich, dass wir heuer einen Winter "wie damals" erleben und darauf noch einen ähnlichen. Wer dann noch nicht begriffen hat, dass auch Städter ein Geländeauto brauchen, weil sie sonst nicht mehr mit Schnee und Matsch fertigwerden, dem ist ja wohl nicht mehr zu helfen, werden viele den falschen, klimamäßig tödlichen Schluss ziehen. Es ist zum Verzweifeln. Wenn der Schmerz nachlässt, ist das Verlangen nach dem Doktor gleich weg. In diesem Sinn gilt, viel Schnee - keine Erderwärmung. Blöd: Wenn die Welt den Klimawandel erkennen soll, muss auch das Wetter mitspielen.

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