Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Schilchers Schulwunderwelt

Wien (OTS) - Bernd Schilcher hat all seine Raffinesse ausgepackt,
um pädagogische Traumschlösser der ergrauten 68er Generation beredt wie ein PR-Agent zu verkaufen. Jetzt noch eine millionenschwere Kampagne der Ministerin auf Steuergelder, dann sind die Österreicher weich für die Gesamtschule.

In Schilchers Luftschloss findet sich allerdings keine einzige Antwort auf die tatsächlichen Defizite der Schule: So fehlt weiterhin eine objektivierende Zentralprüfung für 10-, 14- und 18-Jährige; es fehlt eine Mitsprache von Eltern und Lehrern bei der Bestellung des Direktors (anstelle der ekligen Parteipolitik); Lehrer haben auch künftig keine Handhabe gegen aggressive oder total desinteressierte Kinder (die gibt es nämlich in Schilchers Traumwelt gar nicht); und es fehlen echte neue Angebote an die Hochbegabten (wie neue Popper-Schulen oder ein Überspringen von Klassen).

Statt dessen findet man eine Fülle abgedroschener Schlagwörter, wie das "eigene Forschen" (von 10- bis 14-Jährigen) oder den (seit Jahrzehnten bei schwachen Schülern beliebten) Projektunterricht. Schilchers Schulwunderwelt ist ein um acht Jahre verlängerter Kindergarten. Dass Lernen immer auch mit Anstrengung und Selbstdisziplin verbunden ist, mag man im Klein-Schilcherland nicht hören. Schule wird zum unendlichen Spaß, zum Ort, wo man schon in der Früh vor allem einmal die eigene Befindlichkeit bespricht. Durchfallen gibt es nicht. Eine zweite Fremdsprache oder gar Latein brauchen wir nicht. Lehrer gehen ein halbes Jahr auf Weltreise. Und sogar die paar Elemente organisatorischer Differenzierung der bisherigen Gesamtschul-Versuche werden eliminiert.

Am explosivsten sind aber Phrasen wie Team Teaching oder "starke Ausweitung der Angebote". Sie sollen verschleiern: Die Schilcher-Schmied-Schule bringt eine Explosion der Lehrerzahlen. Die Kosten dafür sind auch nicht mit dem Abschaffen des Durchfallens finanzierbar. Aber offenbar hat der Staat neuerdings ohnedies jede Menge Geld; und offenbar sind Wirtschaft wie Industrie zu spürbaren Steuererhöhungen bereit: Schließlich propagieren ja auch einige ihrer Exponenten die Gesamtschule.

Ein Positivum hat diese Schule jedoch: Sie kann sich die Lehrer aussuchen. Und die anderen sollen halt mit dem schlechteren Rest vorlieb nehmen . . .

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