"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: "Ein Schmelztiegel, aber ohne Plan"

Österreich ist ein Land der Einwanderung - und muss auch etwas draus machen.

Wien (OTS) - Keine gute Nachricht ohne schlechte: "Österreich ist zum Einwanderungsland geworden", heißt es im jüngsten Migrationsbericht der Akademie der Wissenschaften (siehe Seite 4), und das ist aus vielen Gründen eine gute Nachricht.
Längst ist die Expertise von Bevölkerungsexperten Allgemeingut, dass ein Land mit einer Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau auf mittlere und lange Sicht nicht bestehen kann.
Der Bedarf an Arbeitskräften ist in einzelnen Bereichen jetzt schon nicht mehr aus eigenen Human-Ressourcen zu decken. Sei es, weil die scheinbar sozial erwünschte Ausbildung (Mittelschule, Hochschule für alle) an den realen Bedürfnissen (gute Facharbeiter und Lehrlinge) vorbeigeht. Sei es, weil es immer noch zu leicht ist, vorhandene Jobs nicht annehmen zu müssen. Und sei es, weil tatsächlich zu wenig Menschen dafür da sind.
Auch das Sozial-, vor allem das Pensionssystem ist angesichts der demografischen Entwicklung ohne Zuwanderer nicht aufrechtzuerhalten. Und schließlich ist der "Schmelztiegel" vieler Kulturen in einem Land - bei allen Problemen, die sich daraus ergeben - der fruchtbare Boden für eine gesellschaftliche Entwicklung auch abseits von Zahlen. Österreichs Geschichte basiert darauf.
Die schlechte Nachricht lautet: Einwanderungsland ist Österreich "nicht freiwillig und nicht selbstbestimmt, sondern durch die faktische Entwicklung".
Die hat dazu geführt, dass jeder fünfte hier lebende Bürger Migrationshintergrund hat - das ist einer der höchsten Werte in der EU. Und dazu, dass immer mehr Zuwanderer aus EU-Ländern wie Deutschland und Polen kommen. Das hat mit den offenen Grenzen zu tun und damit, dass Österreich offenbar hoch attraktiv ist, weniger mit Steuerung. Und für qualifizierten Zuzug kann auch das neue restriktivere Fremdenrecht nicht das richtige Steuerungselement sein. Vor allem nicht für die, die bereits da sind: Zwischen den qualifizierten und sozial anerkannten Zuwanderern überwiegend aus dem "Westen" und jenen aus dem "Osten" klafft eine große Integrationslücke. Letztere tragen auch in zweiter und dritter Generation das "Erbe der Gastarbeit", sind im Bildungssystem zu guten Teilen aufgrund von Startdefiziten benachteiligt und erhöht armutsgefährdet. Das ist sozialer Zündstoff.
Kurzum: Österreich braucht sich quantitativ als Zuwanderungsland nicht verstecken (auch bei der Asyl-Gewährung weist uns die Statistik einen ganz anderen Platz aus, als Hilfsorganisationen und Asyl-Romantiker gerne weismachen wollen).
Qualitativ hat Österreich Aufholbedarf. Integration einfordern und ermöglichen muss mehr als ein oft gedroschenes Schlagwort sein. Regeln festlegen und zum Wohle der Betroffenen umsetzen, muss passieren, statt es nur in Plattformen zu diskutieren. Und zwar rasch. Sonst wird die gute Nachricht versemmelt.

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