"Kleine Zeitung" Kommentar: "Beim Paket hat die Post den blauen Brief schon bekommen" (Von Rainer Strunz)

Ausgabe vom 14.11.2007

Graz (OTS) - Wer in deutschen Landen öfter auf der Autobahn unterwegs ist, kennt das Bild: Der kleine Transporter taucht im Rückspiegel auf, zischt vorbei und ward bald nicht mehr gesehen.

160, bergab auch 180 km/h sind für die schnellen Paketdienste keine Hexerei. Zeit ist Geld, und die aggressive Preispolitik, mit der private Anbieter wie Hermes, DHL oder UPS gegenüber der Post punkten wollen, muss schließlich verdient werden. Mit Pünktlichkeit, mit Schnelligkeit und mit (schein-)selbstständigen Mitarbeitern, die für Niedrigstlöhne rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Der Paketdienst ist ein gutes Geschäft, denn zu transportieren gibt es mehr denn je. Die internationale Verflechtung hat durch die Globalisierung ein nie gekanntes Ausmaß angenommen, die Firmen halten immer weniger auf Lager vorrätig, und bei den privaten Kunden kommt der Paketdienst - Stichwort Handel übers Internet - erst so richtig in Schwung.

Die Post (in Österreich ebenso wie in Deutschland) wollte sich auf diese Entwicklung einstellen - und wird nun von der Konkurrenz überrannt. Otto-Versand, Quelle und Neckermann haben der Post einen blauen Brief geschrieben und wechseln zu Hermes, andere, kleinere Versender könnten folgen. Einer der Gründe: Private wie Hermes bieten die Zustellung am Abend bis 22 Uhr sowie am Samstag an.

Die Post hat dagegen natürlich schon ein Packerl geschnürt und will gegen die Privaten u. a. mit ihrem dichten Niederlassungsnetz punkten. Ob das gelingt, ist indes fraglich und spielt noch nicht die alles entscheidende Rolle. Bis zum Tag X, dem Tag, an dem die EU das Briefmonopol in die Luft sprengt. Oft angekündigt, ist die völlige Liberalisierung des Briefverkehrs auf politischen Druck bis dato immer wieder verschoben worden. Derzeitiger Stand der Dinge: Aus dem einst für 2002 und dann für 2007 angepeilten Fall des Briefmonopols wird es auch heuer nichts werden, im vergangenen Oktober hat sich die EU auf den Termin 2011 geeinigt.

Bis dahin wird die Post, die einen Großteil ihrer Gewinne aus dem Briefporto zieht, über die Runden kommen, bis dahin sollte sich auch der angeschlagene Aktienkurs erholen. Was danach kommt, ist offen. Denn die private Konkurrenz steht für den Tag X parat und wird dem Postfuchs auch bei den Briefen den Platz an der Sonne streitig machen. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob die Post beim Brief noch jene Chancen hat, die sie beim Paket möglicherweise schon verloren hat. ****

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