"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bis zur Unkenntlichkeit" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 11.11.2007

Graz (OTS) - Die Neue Mittelschule ist ein Torso. Selbst die Expertenkommission kann nichts retten.

Einen Torso propagandistisch aufzuputzen, das kostet. Hunderttausende Euro soll die Unterrichtsministerin für eine redaktionelle Positivserie über die "Neue Mittelschule" einem Wiener Boulevardblatt in den Rachen geworfen haben, abgewickelt über eine parteinahe Agentur.

Die Schminke wird nicht ausreichen, die Missbildung zu übertünchen. Der Grundgedanke der Reform wurde bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Er lautete: einen gemeinsamen Bildungssockel für alle Kinder bis zum Ende der Schulpflicht zu schaffen, auf dem die Jungen mit vierzehn ihre weitere Bildungslaufbahn aufsetzen können, je nach Eignung, die dann verlässlichere Konturen haben würde als mit zehn.

Zu überprüfen wäre gewesen, ob in diese neue Struktur auch eine neue Kultur des Lernens eingewoben werden kann, eine neue pädagogische Software, die der größeren Heterogenität in den Klassen gerecht würde; die die Guten im Ausschöpfen ihres Potenzials inspiriert und die Schwächeren durch gezielte Hinwendung mitzieht. Und: Man hätte auswerten müssen, ob damit der Leistungsplafond möglichst vieler angehoben werden kann, oder ob das Zusammenführen aller Zehnjährigen zu einem Absenken des Niveaus führt, zu einem Massenexodus hin zu den Privatschulen, wie die Skeptiker mutmaßen.

Diese Zeitung hat - unter dem Missfallen weiter Teile der gymnasialen Lehrerschaft - Position bezogen: Sie hat argumentiert, warum es für das Land vernünftig wäre, die regional begrenzte Erprobung dieser Frage zuzulassen, um am Ende, wissenschaftlich fundamentiert, Klarheit zu haben.

Das ist nun nicht mehr möglich. Anstelle einer gemeinsamen Schule wird zur bestehenden Hauptschule und AHS eine dritte Schulform dazugehängt. Sie umfasst den Bruchteil eines Jahrgangs. Was da nach acht Jahren evaluiert und an Schlussfolgerungen abgeleitet werden soll, ist schleierhaft.

Vor der dreigliedrigen Weiche stehen verunsichert Lehrer und Eltern. Das kommunikative Desaster hat Claudia Schmied zu verantworten: Sie lässt abstimmen, reicht irgendwann die Inhalte nach und wundert sich über Argwohn und Abwehr.

Die neuen pädagogischen Ansätze der Expertenkommission sind richtig und wichtig, natürlich. Das gilt für das Aufbrechen der atemlosen Fächerabfolge und des Einzelkämpfertums der Pädagogen ebenso wie für ganztägige Unterrichtsformen und das Zurückdrängen jener Kultur des Scheiterns, die viele als bedrückend erleben. Nur: Für diese Reformen braucht man keinen neuen Schultorso. Die gehören überall implantiert. Nicht nur in Voitsberg Ost oder Klagenfurt Süd. ****

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