"Die Presse" Leitartikel: "Auch der neue Reichtum ist ein Fluch für Afrika" (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 3.11.2007

Wien (OTS) - Nach 50 Jahren zweifelhafter Entwicklungshilfe sieht Europa hilflos Chinas Investment-Erfolg in Afrika zu.
Afrika ist in einer Hinsicht tatsächlich ein "dunkler" Kontinent -der Kontinent der fehlgeschlagenen Strategien:
Im UNO-Lebensstandard-Index belegen afrikanische Länder die letzten 23 Plätze.
Von den 49 Staaten, die die UNO in dem Kapitel "geringst entwickelte Länder" (LDCs) zusammenfasst, liegen 38 in Afrika.
Fast ein Viertel aller Akademiker aus diesen 38 afrikanischen Ländern hat die Heimat verlassen und lebt heute in der entwickelten Welt. Vor 15 Jahren waren das nur sieben Prozent.
Im Index der Wirtschaftsfreiheit (des US-Thinktanks Heritage Foundation) gibt es unter den 50 freiesten Nationen nur zwei afrikanische (Mauritius und Botswana), von den 50 unfreiesten Ländern liegt hingegen jedes zweite in Afrika.
Das ist nicht die Situation vor 50 Jahren, sondern die heutige Lage -nach fünf Jahrzehnten Entwicklungshilfe.
In Afrika ist alles probiert worden, was klugen Köpfen einfällt, doch die Kluft zur entwickelten Welt ist stetig weiter gewachsen. Doch dann kam der große Auftritt der Chinesen auf der afrikanischen Bühne. Die Nachfrage nach Rohstoffen aller Art - von Öl über Papier bis zu Edelmetallen - begann zu steigen. Und damit setzte, so um das Jahr 1996, für Afrika ein neuer Geldstrom ein. Heute sind vier der fünf schnellstwachsenden Volkswirtschaften der Welt in Afrika (die Ausnahme ist Aserbaidschan). Die Investitionen des Auslands haben sich verfünffacht. Nicht nur die Importe, sondern auch die Exporte sind endlich wieder gestiegen. Rund 900 chinesische Konzerne sind derzeit in Afrika aktiv und haben bereits sechs Milliarden Dollar investiert.
Aber es wäre verfrüht, deswegen schon einen afrikanischen Frühling auszurufen. Das meiste Geld geht in ganz wenige Länder. Auf die vier Ölexporteure Angola, Sudan, Tschad und Äquatorialguinea entfallen mehr als die Hälfte aller Investitionen aus dem Ausland. Bei den Importen nach Afrika hat ausschließlich der Posten Rohstoff-Abbau-Maschinen für das Plus gesorgt. Zwar investieren die Chinesen auch in Infrastruktur, bauen Spitäler und Universitäten, aber das haben Europäer, Amerikaner und Japaner auch schon getan, und das mit wenig nachhaltigem Erfolg. Bisher sind rund 500 Milliarden Dollar an offizieller westlicher Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen - mehr als in irgendeine andere Region der Welt. Trotzdem ist Afrika das Armenhaus des Globus geblieben, und das kann nicht daran gelegen haben, dass wir nur 0,5 statt 0,7 Prozent unseres BIP in die Entwicklungshilfe gesteckt haben.
Der wirkliche Grund ist etwas anderes, und das wird mit den Chinesen nicht besser, sondern eher noch schlimmer: der abgrundgrottenschlechte, verbrecherische Umgang der herrschenden Eliten mit Macht und Geld - mit dem also, was auf Englisch knapp "governance" heißt. Von allen Ländern südlich der Sahara haben nur zwei von der Weltbank das Prädikat "gut" bekommen, was Governance betrifft (Botswana und Mauritius), drei sind immerhin "durchschnittlich". Alle anderen 42 laufen zu gleichen Teilen unter "unterdurchschnittlich", "schlecht" und "sehr schlecht".
Gerade jetzt, wo Europäer und Amerikaner beginnen, "good governance" stärker zur Bedingung für Entwicklungshilfe zu machen, zeigen die chinesischen Investoren offen, dass sie auf solchen Kinkerlitzchen nicht bestehen. Sollen doch die Schweizer Banken auch was davon haben . . . Darfur? Kümmert uns nicht. Wir machen Geschäfte, nicht Menschenrechtspolitik.

Europa hat Afrika zwar mit Projektchen zwecks Gewissensbalsam bedacht, aber schon als mitmenschliche Herausforderung nie ernst genommen. Jetzt ist Europa dabei, Afrika auch als geostrategischen Faktor zu vernachlässigen. Beides ist tragisch. Und auch irgendwie ohne Perspektive. Einerseits kann man im Zeitalter des auch von einem selbst geforderten Freihandels die Chinesen nicht aus Afrika fernhalten. Sich nur auf die rohstoffärmeren, oft vernünftigeren Staaten Afrikas zu konzentrieren, ist aber auch keine Antwort. Europa muss auf dem Nachbarkontinent Flagge zeigen und kann sich dabei nicht leisten, nur dort hinzugehen, wo die Westen blütenweiß und die Absichten der Lokalpolitiker lauter sind. Die europäische Losung muss lauten: Überall dort, wo sich etwas bessern kann, sind wir dabei. Und wir werden auf Besserung drängen, weil wir auch mehr anbieten können als die Chinesen (zum Beispiel Gegengeschäfte für die lokale Industrie). So eine Strategie ist teuer - die Chinesen haben eben erst dem siechen Kongo fünf Milliarden Dollar für Infrastruktur angeboten - aber unerlässlich. Sie hätte nur schon so um 1996 beginnen müssen.

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