"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Ehrentag für Sparefroh" (Von Kurt Horwitz)

Wien (OTS) - Wenn Bundeskanzler oder Vizekanzler zu einem
Fototermin mit Vorstandsmitgliedern einer Bank bitten, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Bank ist pleite und muss mit staatlicher Hilfe über Wasser gehalten werden; dann demonstriert man mit der Eröffnung eines Sparbuchs Vertrauen in die Rettungsaktion. So geschehen zuletzt im Mai 2006 bei der Bawag.
Oder es ist Weltspartag, und Politiker wollen ihre Verbundenheit mit zwei Millionen Landsleuten zeigen. So viele Menschen haben nämlich rund um den gestrigen Weltspartag auch heuer wieder die Bankfilialen gestürmt. Die kleinen Geschenke, die es dabei abzuholen gilt, sollen jene Freundschaft erhalten, die die Banken mit hohen Gebühren und mäßigem Service sonst tagtäglich aufs Spiel setzen.
Heuer verleitet zum Glück keine Bawag-Pleite zur Popularitätshascherei. Vizekanzler und Finanzminister Wilhelm Molterer hatte die Fotografen bereits am Mittwoch in die "Erste Bank" gebeten, um dort gemeinsam mit Vizechefin Bleyleben-Koren als Sparefroh zu posieren.
Politisch mag Molterer mit seiner Aktion Volksnähe demonstrieren. Volkswirtschaftlich gibt es dafür keine Gutpunkte. Nicht weniger als 191 Euro monatlich werden Frau und Herr Österreicher heuer sparen -ein Rekordwert auch im Vergleich mit den beachtlichen 168 Euro im Jahr 2006. Fast zwölf Prozent des durchschnittlichen monatlichen Nettoeinkommens wandern auf die hohe Kante.
Das ist zuviel, meinen die Ökonomen: Die Nettoeinkommen steigen in Österreich ohnehin nur schwach. Was die Unternehmen bei den Lohnabschlüssen der letzten Jahre draufgelegt haben, fressen steigende Steuern und Abgaben sowie die Inflation wieder weg. Die Wirtschaft leidet unter der geringen Konsumneigung, die sich aus der Kombination stagnierender Realeinkommen und hoher Sparquote ergibt. Ökonomen befürchten, dass die ohnehin abflachende Konjunktur dadurch weiter geschwächt wird. Das könnte zu Lasten der Beschäftigung gehen. Die Politik ist nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung. Es ist allerdings nicht der Besuch des Vizekanzlers in einer Bank, der zum Sparen verleitet. Eher ist es schon die bewusst geschürte und auch berechtigte Angst um die Sicherung eines angemessenen Lebensstandards im Alter.
Molterer weiß, warum er sich am Weltspartag in einer Bank zeigt. Bankdirektoren wissen hingegen offenbar nicht immer, was ihre Kunden dort zu erwarten haben. Wer wirklich glaubt und per Aussendung kundtut, dass es da Gelegenheit gibt, mit Kunden "gute Kontakte" zu pflegen und sie "über Produktneuheiten und den aktuellen Vermögensstand zu informieren", hat wohl noch nie einen Blick in die eigenen Schalterräume gemacht.
Das Entgegennehmen kleiner Spareinlagen und das Austeilen der Geschenke lastet die Mitarbeiter(innen) voll aus. Von Beratung und Kundenservice kann an diesem Tag noch viel weniger die Rede sein als sonst - es sei denn, man ist Vizekanzler und Finanzminister und bringt Fotografen mit. Dann kümmert sich sogar die Chefetage persönlich um den illustren Gast.

Rückfragen & Kontakt:

Vorarlberger Nachrichten
Chefredaktion
Tel.: 0664/80588382

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PVN0001