Kleine Zeitung Kommentar "Bildung in der Sackgasse" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 28.10.2007

Graz (OTS) - Wenn die Zeichen nicht trügen, wird auch der heutige letzte Einigungsversuch in Sachen Schulreform fehlschlagen und ohne Sieger bleiben. Claudia Schmied (SP) hat sich nicht durchgesetzt. Die ÖVP wird frohlocken, wie toll ihre bildungspolitischen Bremsbacken greifen, aber vergessen, dass sie mit ihnen bei Wahlen schon einmal ins Schleudern geraten ist. Sie lässt zu, dass Bildungspolitik Standespolitik ist, befehligt von einem tüchtigen Gewerkschafter der Vormoderne.

Aufatmen kann niemand, auch nicht die Gegner jener gemeinsamen Neuen Mittelschule, die in Modellregionen erprobt hätte werden sollen. Viele Gymnasiallehrer sind ja mit den bestehenden Verhältnissen, die jetzt zu Beton verarbeitet werden, unglücklich: Zu wenig Zeit, im unseligen 50-Minuten-Takt Zugang zur Welt der Heranwachsenden zu finden; zu wenig Raum, um zu arbeiten; zu wenig Ressourcen, um der Vielfalt an Begabungen und Problemstellungen gerecht zu werden. Das taktische Lehrerlob, das die Ministerin in Inseraten dagegen setzte, blieb fahl wie ihre Überzeugungsleistung für die Mittlere Schule.

Es ist Claudia Schmied nicht gelungen, die Verlustängste der AHS-Pädagogen zu entkräften und die Lehrer zu Verbündeten zu machen. Das mag ein Job für Herkules sein, aber er wäre lösbar gewesen, wenn die Ministerin glaubhaft dargelegt hätte, worin - abgesehen vom Dasein für alle - das Neue der neuen Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen bestünde: Wie dort Schule neu gelebt wird, mit welcher Großzügigkeit an Zeit, Raum, Personal und Geld.

Weil die Verführungskraft des Modells vage blieb, blieben die Ängste und das Beharren vital, eine fette Gefühlsbeute für den Beamtengewerkschafter. Als dann noch das Wort "kostenneutral" im Gesetzesentwurf ruchbar wurde, versiegte entmutigt der Rest an Gefolgschaft. Man weiß an den Schulen, was das Wort heißt.

Zur Desillusionierung kamen die Demontage-Ängste. Es wäre klug gewesen, den neuen Schultypus nur in jenen Regionen zu erproben, in denen es keine Höhere Schule gibt und somit keine Frontstellung. Richtig ist, dass die Gymnasien den Unterbau an die gemeinsame Schule verlieren würden. Dafür hätte im Gegenzug das vierjährige Oberstufen-Gym tatsächlich das Zeug zu jener qualitätsbewussten, diesmal wirklich elitären Bildungs-Beletage, als die es sich immer begriff. Nur die Gerüsteten und Bereiten bekämen eine Green Card. Grundlage wären transparente, extern überprüfte Bildungsnormen an der Nahtstelle zwischen neuer Mittelschule und neuem Gymnasium - und nicht diffuse und mutwillige wie jetzt, im Milchzahnalter von neuneinhalb.****

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