"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Bawag-Millionen sind nicht das Hauptproblem des ÖGB" (Von Johannes Kübeck)

Graz (OTS) - Verwaltung des Mitgliederschwundes ist kein Zukunftskonzept.

Natürlich war das Scheitern der Karibik-Spekulationen seiner Bank eine Katastrophe für den Gewerkschaftsbund. Diesen finanziellen Supergau aufzuarbeiten und das Vertrauen der Mitglieder und der Öffentlichkeit wieder zu gewinnen, erfordert enorme Kraftanstrengungen der ÖGB-Führung.

Aber es ist nicht so, dass der ÖGB, hätte es den Bawag-Skandal nicht gegeben, ohne Probleme dastünde. In 20 Jahren verloren die Gewerkschaften fast 380.000 Mitglieder, während die Zahl der Werktätigen gleichzeitig um fast 500.000 zunahm. Der Organisationsgrad - also der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an allen Beschäftigten - ist in dieser Zeit von fast 60 Prozent auf weniger als 40 Prozent zurückgegangen. Hätten die Gewerkschaften den Organisationsgrad des Jahres 1987 nur halten können, gäbe es heute knapp zwei Millionen Mitglieder statt tatsächlich weniger als 1,3 Millionen.

Das ist das wahre Problem, das der ÖGB lösen muss, will er seine Existenzberechtigung beweisen. Die Gewerkschaft kann nur stark sein, wenn sie wieder wächst. Dass der Mitgliederschwund jetzt langsamer geworden ist, ist kein Erfolg. Und dass sich schrumpfende Gewerkschaften zu Großgruppen zusammentun, ebenfalls nicht wirklich. Das wollen nur Funktionäre glauben machen, die sich auf die Verwaltung des Mitgliederrückganges beschränken.

Die schrumpfende Zahl der Mitglieder und der sinkende Organisationsgrad nehmen dem ÖGB und seinen Einzelgewerkschaften zunehmend die Legitimation, für die Unselbstständigen zu agieren. Zunächst auf betrieblicher Ebene, irgendwann einmal auch auf der des Kollektivvertrags.

Das zu verhindern erfordert neue Zugänge. In Deutschland etwa bewirkt eine Öffnung und Flexibilisierung der Arbeitszeit- und Lohnregeln nicht eine Schwächung der Gewerkschaften, sondern verbesserte deren Position in den Betrieben. Beschäftigte erkannten, dass die Gewerkschaft in ihrem Unternehmen keine ernst zu nehmenden Verhandlungen etwa über einen freiwilligen Kündigungsschutz führen kann, wenn nur wenige Kollegen eingetragene Mitglieder sind. Seither nehmen dort die Gewerkschaftseintritte zu. Unterstützt wird der Aufwärtstrend in der IG Metall dadurch, dass sich jeder Gewerkschaftsbezirk in einem Benchmarking dem Vergleich mit den Besten stellen muss.

Die Aufarbeitung der Folgen des Bawag-Skandals ist für die ÖGB-Spitze wichtig. Aber sie sichert nicht die Zukunft unserer Gewerkschaften. ****

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