Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Es gibt Fortschritt!

Wien (OTS) - Wo bleibt das Positive? Diese Frage wird Journalisten oft gestellt. Ihre Antwort: Erstens lesen die Menschen keine Medien, die von guten Nachrichten nur so triefen; und zweitens sei die Welt eben schlecht - man denke nur an die Mega-Verbrechen der beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts (wobei mit dem Islamismus vielleicht schon der des 21. Jahrhunderts angetreten ist).

Und doch fällt eine objektive Gesamtbilanz der Welt erfreulich aus. Die Menschen sind gesünder, die Lebenserwartung ist überall um Jahrzehnte gestiegen. Der Globus ernährt heute sechs Milliarden, davon im Gegensatz zu einst mindestens 85 Prozent durchaus ausreichend, und wird bald acht Milliarden aushalten. Im 19. Jahrhundert galt es als ausgeschlossen, dass auch nur für eine Milliarde ausreichend Nahrung produziert werden kann - wobei ein viel größerer Prozentsatz hungerte.

Eine Studie von Steven Pinker von der Harvard-Universität (durch die Zeitschrift "Cicero" im deutschen Sprachraum bekannt) zeigt uns noch eine andere ganz neue und ganz erstaunliche Langzeit-Perspektive: Wir leben heute mit großer Wahrscheinlichkeit in der friedlichsten Epoche, die die Welt je gekannt hat. Was auch für all die Kriege des 20. Jahrhunderts gilt: Wenn in diesen der gleiche Prozentsatz der Bevölkerung umgekommen wäre wie in den einst üblichen Stammeskonflikten, hätte es statt rund 100 Millionen gleich zwei Milliarden Todesopfer gegeben, berechnete Pinker.

Wir wollen es nicht wahrhaben, aber wird sind humaner geworden. Und die westlichen Gesellschaften haben dabei seit der Aufklärung eine Führungsrolle gehabt. Pinker erinnert uns, welche Praktiken großteils verschwunden sind: Sklaverei, Verstümmelungen, Brandmarken, Grausamkeit als Volksvergnügen, Menschenopfer, territorialer Imperialismus, Genozid, Folter, Todesstrafe selbst für kleine Delikte, Pogrome, Vierteilen, Rädern.

Gewiss, es gibt für diese Untaten noch immer aktuelle Beispiele. Aber niemand bezweifelt, dass die gesellschaftliche Anerkennung dafür geschwunden ist. Pinker: "Irgendetwas müssen wir richtig gemacht haben. Es wäre schön, wenn wir wüssten, was dieses Etwas genau ist." Vielleicht hängt die Antwort mit unserem Bedürfnis zusammen, ständig Weltuntergänge an die Wand zu malen.

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