DER STANDARD-Kommentar: "Weißglut" von Michael Simoner

Ausgabe vom 24. 10. 2007

Wien (OTS) - Im Parlament gibt es gleich neben dem ÖVP-Klub ein schickes Raucherzimmer mit moderner Lüftungsanlage. Unter den utopisch anmutenden Plexiglasschirmen, die den Rauch ansaugen und wer weiß wohin leiten, sind aber kaum Raucher anzutreffen. Dennoch verrät die olfaktorische Wahrnehmung in den langen Gängen, dass hinter so mancher Tür mehr als nur die Fantasie glüht. Auch im Hohen Haus wird also offenbar heimlich gepofelt.
Irgendwie passt das zur Geheimniskrämerei im politischen Ringen um eine Raucherregelung. Seit Monaten verhandeln die Koalitionspartner, legen einen Gesetzesentwurf vor, verwerfen ihn wieder, begeben sich erneut in Klausur, tauchen ab und zu mit rauchenden Köpfen auf und feiern jeden Punkt, in dem man eine Einigung findet, wie einen Staatsvertrag. Aber nicht nur diese Regierung, sondern auch die vorangegangene hat in der Frage, ob Rauchen in Lokalen verboten werden soll oder nicht, endlos herumgewurschtelt. Zaudern scheint also ein grundsätzliches Phänomen in der heimischen Politik zu sein. Dabei geht es doch nur um eine einfache Entscheidung: Ja oder nein. Auch eine politische Bumerangwirkung bei den nächsten Wahlen ist nicht zu erwarten, Österreich teilt sich ziemlich genau in rauchende und nicht-rauchende Hälften. Abgesehen davon wird wohl kaum ein Raucher, der künftig vielleicht seine Zigarette vor der Lokaltür oder eben im Raucherextrazimmer anzündet, seine parteipolitischen Ansichten ändern.
Wie man rasche Entscheidungen trifft, haben andere Länder in Europa längst vorgemacht. Egal, ob das Rauchen, wie in Italien oder in Großbritannien, in Lokalen verboten wurde - oder, wie in der Schweiz, bis auf weiteres erlaubt blieb. Ob Smoker oder Non-Smoker, die Unentschlossenheit in der Alpenrepublik kann einen zur Weißglut bringen.

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