WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wir sind VW - und irgendwann auch MOL - von Arne Johannsen

Das alles sind Wachstumshormone für den österreichischen Nationalstolz

Wien (OTS) - So sentimental kann Geschichte sein: Knapp 75 Jahre, nachdem der österreichische Ingenieur Ferdinand Porsche den ersten Volkswagen konstruiert hat, bringt sein Nachfahre Ferdinand Piech den deutschen Autokonzern wieder unter die Kontrolle der Familie. Denn der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat das VW-Gesetz, das die Stimmrechte von Grossaktionären auf maximal zwanzig Prozent beschränkt, gekippt. Für die österreichischen Familien Piech und Porsche ist der Weg jetzt frei, beim Volkswagenkonzern die Macht zu übernehmen. Auch das eine neue Form der Privatisierung: Piech holt einen Auto-Riesen unter das Dach einer kleinen Familienholding, deren Anteile in Stiftungen untergebracht sind.

Das Vehikel dazu: Der Autobauer Porsche, bei dem die Österreicher das Sagen haben und der bereits 31 Prozent der VW-Anteile hält. Porsche setzt rund sieben Milliarden Euro um, VW mehr als 100, trotzdem gibt Porsche Richtung und Tempo vor - so skurril kann Wirtschaft sein. Die Zukunft von Europas grösstem Autokonzern wird damit vom idyllischen Clan-Sitz Zell am See aus gelenkt.

Doch die Entwicklung bei VW ist nicht nur ein Wachstumshormon für den österreichischen Nationalstolz. Sie bedeutet auch eine Weichenstellung für einen anderen grossen Deal: Neben Ferdinand Piech hat auch OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer gespannt auf die Entscheidung des EuGH gewartet - und kann sich jetzt freuen. Denn die EU-Richter haben mit dem Kippen der Stimmrechtsbeschränkung ein klares Signal gegen staatlichen Protektionismus und für den freien Kapitalverkehr gesetzt, was im Übernahmekonflikt mit der MOL Wasser auf die Mühlen der OMV ist. Denn auch die MOL schützt sich mit Stimmrechtsbeschränkungen vor Grossaktionären, was nach dem aktuellen Spruch der Luxemburger Richter kaum zulässig sein dürfte. Allerdings:
Das Verfahren vor dem EU-Gericht hat zweieinhalb Jahre gedauert -Wolfgang Ruttenstorfer wird also Geduld brauchen.

Geduld hatte auch Ferdinand Piech mit seinem Masterplan für den Volkswagen-Konzern. Und der ist noch nicht ganz verwirklicht: Der 70-Jährige träumt davon, neben Volkswagen und Porsche auch die Lkw-Schwergewichte MAN und Scania unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen.

Und da der knorrige Piech in der Regel erreicht, was er sich vorgenomen hat, könnte aus Österreich doch noch eine Auto-Nation werden. Da ist es fast verschmerzbar, dass Alexander Wurz nicht mehr in der Formel 1 mitfährt. Die wirklich wichtigen Rennen werden ohnehin ganz woanders gewonnen.

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