"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Besser keine Reform als diese Verunsicherung"

Ein neues Bildungskonzept braucht Zeit, politischen Willen und Sachkenntnis.

Wien (OTS) - Bildungsministerin Claudia Schmied hat völlig recht. So kann man das "österreichische Schulsystem nicht an internationale Standards heranführen". Sie hat den Satz zwar nur auf VP-Bildungssprecher und Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer gemünzt, er stimmt aber trotzdem. Denn so konnte es nicht gehen. In der rot-schwarzen Koalition herrscht vor allem beim zentralen Bildungsthema Ungleichgewicht: Auf der einen Seite eine in Schulfragen unerfahrene Bildungsministerin, die sich, wohl beflügelt durch den positiven Medienhype nach der zügigen Berufung neuer Operndirektoren, viel zu rasch und viel zu forsch die komplexe Schulmaterie vornahm. Auf der anderen Seite die ÖVP, die alles verhindern will, was irgendwie als Gesamtschule interpretiert werden könnte, auch wenn man noch so viele andere Namen dafür erfinden würde; und Schmied und der SPÖ nicht den Hauch eines politischen Erfolges gönnen will.
Für dieses politische Ungleichgewicht mitsamt seinen endlos parteitaktischen Spielchen müssten Schüler, Eltern, Lehrer büßen. Denn das Chaos ist inzwischen so groß geworden, dass sich kaum jemand mehr auskennen kann: Wäre die Neue Mittelschule (NMS) etwas grundsätzlich anderes als die bestehende Kooperative Mittelschule (KMS), die auch schon einmal als Neue verkauft worden ist? Was wird aus alten Schulversuchen, die nie evaluiert worden sind? Haben sie den gleichen Stellenwert wie die neuen? Wer wird sich für was und wo entscheiden können?
Dazu kommen noch gravierende politische Fehler auf beiden Koalitionsseiten. Zuerst wollte Schmied ziemlich vordergründig den Koalitionspartner ÖVP durch eine überraschende Kooperation mit Jörg Haider unter Druck setzen, ohne dessen Motive zu bedenken, einen Spaltpilz in die Koalition einsetzen zu wollen. Dann versuchte sie es mit Erwin Prölls Solo-Idee einer um zwei Jahre verlängerten Volksschule, ohne Durchlässigkeit und Mobilität zu beachten.
Aber auch die ÖVP verrannte sich beim Taktieren. Gerade in den letzten Tagen hat sie sich als Parade- Familienpartei präsentiert. Es muss sich doch schon herumgesprochen haben, dass Schulpolitik Parade- Familienpolitik ist. Wie sollen sich Kinder und Eltern "im Mittelpunkt" aller familienpolitischen Überlegungen der ÖVP vorkommen, wenn sie im zentralen Lebensbereich Schule nur Chaos erleben? Kindern und Jugendlichen muss man Sicherheit geben, nicht Taktik.
Die künstliche Eile der letzten Wochen war überflüssig. Eine durchdachte, sachorientierte Neuordnung des Schulwesens muss innerhalb dieser Legislaturperiode möglich sein. Grundbedingung wäre allerdings der politische Wille dazu. Die SPÖ hat ihn vielleicht, aber Schmied nicht genügend Sachkenntnis. Die ÖVP hat ihn einfach nicht. Erst wenn die Regierung zu vertrauensvoller Zusammenarbeit findet, sollte sie einen neuen Anlauf nehmen. Sonst wäre besser, sie würde die Finger von den Schulen lassen.

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