"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das neue Europa: Ohne Pathos, aber wieder handlungsfähig" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 20.10.2007

Graz (OTS) - Im luxemburgischen Echternach findet jedes Jahr um Pfingsten die so genannte "Springprozession" statt. Tausende Pilger hüpfen dabei von einem Bein aufs andere "drei Schritte vor, zwei zurück" zum Grab des heiligen Willibrord.

Die Geschichte der europäischen Integration ist dem eigenartigen Tanz der Echternacher nicht unähnlich. Erfolge wechseln darin ab mit Misserfolgen, auf Sternstunden folgten häufig Phasen, die von Rückschlägen geprägt waren.

Trotzdem ist auch in dunklen Zeiten nie der Glaube versiegt, dass es mit Europa voran geht, langsam zwar und oft nur unter Verrenkungen, aber doch.

Die Starre, in die Europa nach dem gescheiterten Verfassungsvertrag vor zwei Jahren verfallen ist, war deshalb existenzbedrohend, weil die Resignation erstmals Oberhand zu gewinnen drohte über das optimistische Grundgefühl, das die Europäische Union seit ihrer Gründung stets getragen hatte.

Mit der Reform, auf die sich die EU-Staats- und Regierungschefs in Lissabon verständigt haben, ist diese Gefahr vorläufig gebannt. Die Vernunft hat den Sieg davongetragen über nationale Kleinhäuslerei. Nach Jahren der Nabelschau kann Europa den Blick endlich wieder nach vorne richten.

Großer Wurf ist der Vertrag allerdings keiner. Über weite Strecken unleserlich, ist er ein matter Abglanz der Verfassung, die jeder Symbolik entkleidet wurde. Wenn der Verzicht auf jedes Pathos unabdingbar war, damit Europa wieder handlungsfähig wird und in der Union ab sofort nicht mehr der Langsamste das Tempo vorgibt, hat es sich trotzdem gelohnt.

Der Etappensieg, der in Lissabon errungen wurde, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die schwierigste Hürde noch zu nehmen ist: Der Vertrag muss in allen 27 Mitgliedsstaaten ratifiziert werden und da könnte es noch einige böse Überraschungen geben. Schon jetzt leidet die EU unter einem chronischen Legitimitätsdefizit. Die Bürger kehren sich von ihr ab, weil sie das Gefühl haben, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.

Die Menschen für den Frieden zu gewinnen, war nicht schwer, weil sich nach zwei Weltkriegen alle danach sehnten. Warum es in Europa ein supranationales Gebilde braucht, das nach dem Dafürhalten vieler ohnedies zu exzessiv in alle Lebensbelange eingreift, verlangt dagegen harte Überzeugungsarbeit.

Den Vertrag als Erfolg zu feiern wird nicht genügen. Was die EU benötigt, ist eine große Erzählung, die dem Einzelnen versinnbildlicht, was es bedeutet, Bürger Europas zu sein. Daran sollten sich jetzt alle machen. Je früher, desto besser. ****

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