Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Die Streikmacht

Wien (OTS) - Vorwärts in die Vergangenheit. In der ÖVP bilden sich wieder aus Vor-Schüssel-Zeiten bekannte Fronten. Eine heißt: Die Steirer gegen den Rest (wenn sie sich nicht gerade gegenseitig massakrieren).
Ein anderes Schlachten-Revival trägt den Titel Wirtschaftsbund vs. ÖAAB. Der Arbeitnehmerflügel steigt für die Hacklerregelung auf die Barrikaden - also ein Minderheitsanliegen vor allem jener, die gleich nach der Schulpflicht zu arbeiten begonnen haben. Der ÖAAB tut dies wohl nicht nur, um sein Lehrer- und Beamten-Image loszuwerden. Er ist seinerseits über Wirtschaftsexponenten verärgert, die selbst - oft nur der Schlagzeile wegen - die Parteilinie verlassen haben: Sei es in der Schulfrage, wo der ÖAAB besonders starke Klientel-Interessen hat, oder beim Migrationsthema.
Der Kampf wird spannend. Die ÖVP-Zentrale hat heute sicherlich nicht mehr das Gewicht, um schlichten zu können. Damit werden die Hackler zur ersten wirklichen Härteprobe für den einsamen Parteichef Molterer, der sich - irgendwie - durchsetzen muss. Es steht zu vermuten: Bei den Hacklern wird der ÖAAB obsiegen -Wohlfahrt-Wohltaten sind ja wieder in -, die Wunden aber bleiben.

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In Europa wird wieder gerne gestreikt. Analysiert man die Arbeitskämpfe, dann wird klar: Statt um Klassenkampf geht es seit langem um Gruppenkampf. Die in grauer Vorzeit beschworene Solidarität der Arbeiterklasse tritt hinter die Interessen kleiner Gruppen zurück. Wer ein Erpressungspotential in der Hand hat, wer also durch Streiks der Allgemeinheit Schaden oder Schmerz zufügen kann, der nutzt das rigoros-egoistisch aus.

Nur so lassen sich die gewaltigen Einkommensunterschiede etwa zwischen Arbeitern im Strom- und Gassektor, in Druckereien oder bei der Müllabfuhr auf der einen Seite und den im Friseurberuf, in der Textilbranche oder im sozialen Bereich Tätigen erklären (dennoch strömen Frauen weiterhin vor allem in die letztgenannten Berufe). Deren Streikdrohungen schrecken kaum jemanden.

In den USA hat einst Ronald Reagan die erpressungsmächtigen Branchen gezähmt, indem er streikende Air-Controller gefeuert hat -was heute als Ursache für Amerikas Boom gilt. In Deutschland hingegen werden sich wohl die Lokführer durchsetzen.

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