"Kleine Zeitung" Kommentar: "Unser Fußball ist nicht gut, aber gut genug für Überraschungen" (Von Günter Sagmeister)

Ausgabe vom 19.10.2007

Graz (OTS) - Es ist erstaunlich, wie ein Großteil der gebeutelten rot-weiß-roten Fußballseele selbst nach einem Sieg der Nationalmannschaft reflexartig nach Ausreden sucht und findet: Die Elfenbeinküste war gekauft. Logisch. Eine Schupferlpartie, wie die Wiener sagen. Die Superstars um Didier Drogba haben ihre Wadeln für die millionenschwere Champions League geschont. Das 3:2 war sogar der "worst case", weil Josef Hickersberger jetzt Teamchef bleibt und die Truppe nach diesem einmaligen Ausrutscher zur Euro führt.

Dass sich die Ivorer zwar "Elefanten" nennen, aber im Innsbrucker Tivoli keinen Grashalm knicken wollten, ist die eine Seite. Dass biedere österreichische Fußballkunst diesmal Erfolg hatte, eine andere. Wer jetzt von einer Wende spricht, ist selber schuld. Österreichs Fußballer haben nur das gezeigt, was schon lange nicht mehr zu sehen war: Kampfgeist über 90 Minuten, Aggressivität, Laufbereitschaft, ja sogar Patriotismus. Fußballer waren abgesehen von einem Roland Linz oder Thomas Prager dieselben am Werk. Vielleicht hat es aber geholfen, dass die letzten Lausbuben aussortiert wurden und lauter aalglatte Fußball-Soldaten dem Kommando ihres angezählten Chefs vertrauten.

Die Beteuerung, dass alle nur für Josef Hickersberger gelaufen seien, ist kindlich naiv. Sind die Kicker erst jetzt draufgekommen, dass sie etwas für ihren Trainer tun sollten? Das Märchen vom sentimentalen Fußballer gibt es nicht, kein einziger hat während des Spiels auch nur eine Sekunde an den Trainerposten gedacht. Aber wäre Hickersberger gegangen worden und wäre ein neuer Teamchef gekommen, so hätte dieser das Team auf einigen Positionen umgekrempelt.

Das Hickhack um "Hicke" hat jedenfalls gezeigt, wie groß die Gräben im Fußball sind. Im ÖFB-Präsidium gibt es Gruppenbildung mit unterschiedlichen Interessen. Alt-Internationale nutzen marktschreierisch die Chance, mit Tadel an der Gegenwart die eigene Vergangenheit reinzuwaschen. Selbst die Medienlandschaft gab Einblicke in Eigeninteressen: Pro Jara, kontra Hicke. Herzog hin, Constantini her.

Österreich hat ein Fußballspiel gewonnen. Kurz freuen, genießen, am Boden bleiben. In einem Monat folgen die Partien gegen England und Tunesien und das Spielchen beginnt von vorne. Entweder gibt es unerträgliche Lobeshymnen, oder das Euro-Sensorium ist in Alarmbereitschaft. Österreich wird fußballerisch zwar das schwächste Team unter den 16 Mannschaften bei der Euro stellen. Aber es ist sicher nicht zu schlecht, um überraschen zu können.****

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