"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Wenn Gefühle täuschen" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 19.10.2007

Wien (OTS) - Ganze zwei Prozent betrug die Jahres-Inflationsrate Ende September, berichtet die Statistik Austria. Das ist nett, aber nicht einmal die halbe Wahrheit: Die "gefühlte Inflation" beträgt ein Vielfaches.
Wenn wir an der Tankstelle auf riesigen Anzeigetafeln beobachten, wie Benzin und Diesel fast schon tagtäglich neue Rekordwerte erreichen; wenn Milch und Molkereiprodukte gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent teurer geworden sind und der Staat Tarife und Gebühren in schwindelerregende Höhen schraubt: Dann ballt sich die Faust in der Tasche und wir spüren geradezu körperlich, wie der Inhalt der Brieftasche rasant dahinschmilzt.
Dass Flugpauschalreisen um 14 Prozent billiger geworden sind und die Preise der modernen Flachbild-Fernseher weiter im Sturzflug sind, wird das zwar von der Statistik registriert. Wenn täglich gekaufte Waren und Dienstleistungen oder Restaurantbesuche aber rasant teurer werden, während selten gekaufte langlebige Konsumgüter billiger werden, klaffen gemessene und gefühlte Inflation krass auseinander. Besonders deutlich geworden ist das 2002 anlässlich der Euro-Umstellung. Damals war der vom Statistischen Bundesamt in Deutschland erhobene "Index der wahrgenommenen Inflation" genau viermal so hoch wie die "amtliche" Inflationsrate.
Der deutsche Statistiker Hans Wolfgang Brachinger hat nachgeforscht:
Die Preise von besonders oft gekauften Gütern haben besonders großes Gewicht. Außerdem sind Preissteigerungen höher gewichtet als Preissenkungen, da die Verbraucher sie psychologisch schmerzhafter wahrnehmen.
Die Medien verstärken dieses Gefühl noch: Wer täglich mit Horrormeldungen über angeblich gigantische Preiserhöhungen bei Brot, Milch, Butter, Treibstoff oder Heizmaterial konfrontiert wird, entwickelt eine selektive Wahrnehmung. Psychologische Studien aus der Zeit unmittelbar nach der Euroeinführung belegen, dass die Erwartung von Preiserhöhungen die Wahrnehmung von Preisveränderungen beeinflusst; das kann sogar dazu führen, dass Preissteigerungen wahrgenommen werden, obwohl es sie objektiv gar nicht gibt.
Gefühle können also täuschen, aber in der Wirtschaft zählen sie nun einmal oft mehr als trockene Zahlen. Ob es nun um Börsenkurse geht oder um das Verhalten der Konsumenten: Das Bauchgefühl entscheidet, nicht der nüchterne Verstand.
Für die Konjunkturentwicklung in Europa könnten die Inflationsängste sogar positiv sein: Wer steigende Preise fürchtet, neigt zu impulsiven Käufen.
Oder legt sein Geld lieber aufs Sparbuch, um für schlechte Zeiten -Geldentwertung, noch höhere Steuerbelastungen, steigende Gebühren und Abgaben, drohender Verlust des Arbeitsplatzes - gewappnet zu sein. Dann droht allerdings die derzeit noch florierende Wirtschaft in ein mehr oder minder tiefes Loch zu fallen. Das Schüren irrationaler Befürchtungen könnte dazu einiges beitragen.

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