"DER STANDARD"-Kommentar: "Drohen ist besser als schießen" von Gudrun Harrer

Die Gefahren eines türkischen Angriffs im Irak übertreffen jeden militärischen Nutzen - Ausgabe vom 18.10.2007

Wien (OTS) - Türkische Militärinterventionen im Nordirak haben nicht gerade historischen Seltenheitswert. Von den begrenzten Frühjahrs-, wenn notwendig eben Herbstoperationen, über die Grenze hinweg bis zu Großoffensiven mit 50.000 Soldaten: Dass die türkische Armee die PKK auch auf irakischem Territorium jagte, geschah in den 1990ern mit Saddam Husseins Einverständnis. In Ankara beklagte man das "Machtvakuum", nachdem der Nordirak 1991 dem Zugriff Bagdads entzogen worden ist und die irakischen Kurdenfraktionen, die in ihre eigenen blutigen Konflikte verwickelt waren, in den ersten Jahren nicht für innere Stabilität und sichere Grenzen sorgen konnten. Heute ist das irakische Kurdistan die Vorzeigeregion des Irak - in der Tat die einzige, in der die Obrigkeit ihr Gewaltmonopol durchsetzt. Für die Türkei muss es tatsächlich frustrierend sein, dass sich nichts daran geändert hat, dass die Region Rückzugsgebiet für Terroristen bleibt. Für die türkische Regierung Erdogan gilt das umso mehr, als sie eine offenere Politik sowohl den Kurden im eigenen Lande als auch gegenüber dem irakischen Nachbar im Osten verfolgt. Die Dividende dieser Politik ist ausgeblieben.
Womit nicht eine Sekunde lang der Sinnhaftigkeit und dem Nutzen einer Militäroperation das Wort geredet werden soll. Ihre Gefahren stehen in keinem Verhältnis zu dem, was sie der Türkei an kurzfristigem militärischem Nutzen bringen könnte (wenn denn die PKK überhaupt noch in ihren nordirakischen Basen anzutreffen ist). Ganz abgesehen von den möglichen innenpolitischen Schäden.
Das wissen natürlich alle Beteiligten. Die diplomatischen Bemühungen um eine Lösung laufen auf Hochtouren: Was bereits als Beweis dafür gelten mag, dass die Drohung mit einer Militärintervention effektiver ist und nachhaltigere Resultate bringen könnte als die Intervention selbst.
Bagdad zumindest ist endlich aufgewacht: Der schiitische Premier Nuri al-Maliki schlägt beinahe flehende Töne an, der sunnitische Vizepräsident Tarik al-Hashimi wurde nach Ankara geschickt. Wobei die Einflussmöglichkeiten der irakischen Zentralregierung in Kurdistan gleich null sind. Und die Beziehungen zwischen Erbil und Bagdad sind wegen des Streits um das Ölgesetz denkbar schlecht.
Umso wichtiger ist die Distanzierung vom PKK-Terror, mit der der Premier der kurdischen Regionalregierung in Erbil, Nechirvan Barzani, aufhorchen ließ. Ankara beeilte sich zu erklären, dass sie im Irak nur gegen die türkische PKK, gegen nichts sonst, vorzugehen beabsichtige.
Wenn es nur eine Garantie gäbe, dass sich das alles so kontrollieren lässt. Im Pulverfass Irak reicht ein Funke, um neue Brände zu entzünden.
Schon geben arabische Stämme (namentlich 16 Scheichs des großen Jubur-Stammesverbands) die Erklärung ab, gegen türkische Invasoren vorgehen zu wollen. So berichtet es jedenfalls die kurdische Zeitung Xebat. Dieses arabische Hilfsangebot muss für die Kurden fast wie eine Drohung klingen - Kurdistan ist voll von arabischen Flüchtlingen, und das Gleichgewicht immer prekär. Mit den Arabern streitet man um den zukünftigen Verlauf der Südgrenze der kurdischen Region.
Wobei man beim nächsten möglichen Konflikt wäre: Die "Union der Kurdischen Islamischen Geistlichen" behauptet (ebenfalls laut Xebat), dass die türkischen Grenzüberschreitungspläne eine "Verschwörung" gegen die Umsetzung von Artikel 140 der irakischen Verfassung seien. Dieser sieht das Referendum vor, mit dem Kirkuk und andere umstrittene Gebiete nach kurdischer Vorstellung endgültig ihrer Region einverleibt werden sollen.
Mit einem Wort: Eine türkische Operation würde von manchen Kurden als militärische Intervention zur Durchsetzung der Interessen der irakischen Turkmenen ausgelegt. Auch von den Peshmerga, den kurdischen Truppen, hört man schon, dass sie bereit sind, gegen die Türken zu den Waffen zu greifen. Die Folgen kann man sich gar nicht dramatisch genug ausmalen.

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