DER STANDARD-Kommentar "Plattform für Plattitüden" von Gerald John

Die Regierung will die Integration fördern - ausgerechnet mit Fußball als Vorbild

Wien (OTS) - Ein Tor in der Nachspielzeit löste das Gemetzel aus. Erst schlugen sich die Fans, dann rollten die Panzer. Der "Fußballkrieg" zwischen El Salvador und Honduras anno 1969 kostete nicht nur 3000 Menschen das Leben. Auch der gemeinsame Markt Zentralamerikas wurde zu Grabe getragen.
So viel zum völkerverbindenden Charakter des Fußballsports, den Politiker so gerne beschwören. Doch allen ernüchternden Erfahrungen zum Trotz greift im Vorfeld der Europameisterschaft nun auch die österreichische Regierung auf die alten salbungsvollen Stehsätze zurück. Zum Start ihrer Integrationsplattform lud die Koalition noch dazu Lotterien-Chef Friedrich Stickler ein, der als eine Art Sponsorvertreter nebenbei dem Fußballbund vorsitzt.
"Die Rolle des Sports für die Integration ist nicht hoch genug einzuschätzen", verkündete Stickler und verwies auf das Multikulti-Team Frankreichs, das mit seinem Siegeszug 1998 eine "ganze Nation versöhnt" habe. Verschwiegen hat der "Experte" freilich, dass Zuwandererkids in den Vorstädten ein paar Jahre später den Aufstand probten. Und gerade bei der WM in Frankreich waren die Auswüchse jenes kollektiven Taumels allgegenwärtig, in den der Fußball Fans versetzen kann: Deutsche Hooligans hatten einen Polizisten ins Koma geprügelt.
Auch die heimischen Schlachtenbummler fallen eher selten als aufgeklärte Kosmopoliten auf. Schon vor Jahrzehnten beschimpften Austrianer den mit Balkankickern bestückten Stadtrivalen Rapid als "FC Jugo", selbst in Sternstunden ertönten "uh, uh, uh"-Rufe, enn beim Gegner ein Schwarzer auflief. Beim Europacup-Schlager gegen Eintracht Frankfurt 1994 verhöhnten die Salzburger Anhänger den ghanaischen Stürmer Anthony Yeboah derart lautstark, dass sogar Zusehern vor den Fernsehern die Ohren dröhnten. Nur der hurrapatriotische ORF-Kommentator Robert Seeger hatte wieder einmal weggehört.
Zugegeben: In den ver_gangenen Jahren hat sich ei_niges gebessert, auch dank _gezielter Anti-Rassismus-Projekte. Weil in fast jedem Klub mittlerweile "Exoten" kicken, sind die Urwaldlaute weitgehend verstummt. Macht sich trotzdem ein Fan zum Affen, stimmen Aufrechte mitunter - wie etwa bei der Austria - Gegenslogans an: "Wir wollen keine /Rassistenschweine!"
Dennoch: Von einem Hort der Toleranz ist die Fußballszene so weit entfernt wie das Nationalteam vom EM-Titel. Schwulenfeindliche Sprechchöre sind an der Tagesordnung, garniert mit historisch belasteten Schimpfworten ("Parasiten"). Selbst in den Mini-Stadien Österreichs rücken Großaufgebote der Polizei aus, um die übrigens gar nicht gut durchmischte Meute im Zaum zu halten. Auf den Tribünen regiert alteingesessenes Proletariat. Zuwanderer strömen nur dann zum Match, wenn Galatasaray Istanbul oder Roter Stern Belgrad zu Gast ist.
Auch in den Spielerkabinen herrscht nicht immer edler Gemeinschaftssinn. Die geniale niederländische Mannschaft der Neunziger scheiterte unter anderem an ethnischen Querelen. Der aus Surinam stammende Spieler Edgar Davids hatte seinen Trainer sogar offen aufgefordert, "den Kopf aus dem Arsch" der weißen Spieler zu ziehen.
In vielen Truppen mag das Zusammenleben besser funktionieren. Als Modell taugt die eigentümliche Welt des Fußballs dennoch nicht. Im echten Leben kapseln sich Zuwanderer gerade deshalb ab, weil sie sich sozial deklassiert fühlen. Einen hochbezahlten Profi, der im BMW zum Training kurvt, plagen diese Sorgen nicht.
Sticklers Auftritt war ein krampfhafter Versuch, dem schönsten Spiel der Welt einen tieferen Sinn zu geben, den dieses nicht hat; für die Lösung realer Integrationsprobleme war er wertlos. Mit derart skurrilen Einlagen setzt sich die Regierung dem Verdacht aus, mit ihrer Integra_tionsplattform auch nur eine Show abzuziehen, wie das Schwarz-Blau mit diversen "Expertengipfeln" vorexerziert hat. Fehlt noch ein Gastreferat des Zoodirektors Helmut Pechlaner. Hat doch auch was mit Rassenvielfalt zu tun.

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