Ministerin Schmied kann ruhig schlafen

"Presse"-Leitartikel von Barbare Petsch

Wien (OTS) - Die Kulturpolitik präsentiert sich weiterhin darstellerisch überzeugend, aber arm an Ergebnissen.

"Als Gott die Gehälter der Mitarbeiter in diesem Raum sah, drehte er sich um und weinte bitterlich." Der Spruch hängt in vielen Büros. In abgewandelter Form trägt ihn auch jeder Kunstmensch wie eine Flagge vor sich her: "Zu wenig Geld!", dröhnt es von allen Seiten.
Arme Kunst! Nur 764,5 Millionen Euro geben acht Ministerien für sie aus, rechnete das Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft vor - und stieß gleichzeitig einen Warnruf aus:
"Kulturausgaben des Bundes auf dem tiefsten Stand seit 1995!" Trotzdem: 764,5 Millionen sind ein ordentlicher Batzen Geld. Da sollte man doch allerhand damit unternehmen können.
Tut man auch, aber seit Jahren dasselbe: Theater, Museen, Festspiele, ein Schöpfer für die Schöpferischen, ein Löffel für die Kleinen. Off-Bühnen, Film, Literatur, Regionales, alles ist säuberlich aufgeteilt.
Kulturpolitiker haben wenig Handlungsspielraum. Wenn sie was wegnehmen, ertönt markerschütterndes Geschrei, wenn sie was dazugeben, nimmt man es, ruft allenfalls: "Reicht nicht!" und trägt es davon.
Vor allem mit Worten, weniger mit Taten kann sich die jetzige Kulturministerin Claudia Schmied profilieren. Das gilt jedenfalls fürs Finanzielle. Viel mehr wird's nicht werden. Die seit Jahren periodisch geforderte Umverteilung von den Reproduzierenden (Bühnen) zu den Produzierenden (Künstlern) wäre ein Blödsinn. Bundestheater und Museen klagen ohnehin, dass sie zu wenig Geld haben. Wenn viel gestrichen wird, brechen sie zusammen. Und um den Kulturstaat Österreich ist es geschehen, was speziell die Tourismuswirtschaft übel nehmen würde.
Die Direktoren sind das Einzige, was Schmied wirklich entscheiden kann. Ansonsten wird bis dato mit den üblichen Formeln im Kreis geredet, wie beim jüngsten Kulturausschuss im Parlament, der aber trotzdem amüsant war. Vor allem wegen der Rollenverteilung. Franz Morak, der ehemalige Kunststaatssekretär, wäre offenkundig der geborene Oppositionspolitiker. Seine Burgtheater-Stimme verleiht jedem Satz tiefe Bedeutung. In Hemdsärmeln sitzt er da, redet locker, lächelt sogar gelegentlich in die Runde und hat nichts mehr von der unglücklichen Erscheinung des Regierungsmitglieds, das er war. Claudia Schmied wirft mit Jargon um sich. Ihre Rede strotzt nur so von Vernetzung und Nachhaltigkeit. Sie wirkt wesentlich verbindlicher als ihre Vorgängerin Elisabeth Gehrer. Und wenn sie milde Leerformeln spricht wie "Das ist mir ein großes Anliegen!" (Restitution) oder "Wir befassen uns intensiv mit dem Thema" (Erweiterung der Steuerbegünstigung für Sponsoren.), dann glaubt man es ihr, obwohl Kulturpolitiker seit Jahrzehnten das Gleiche mit den gleichen Worten sagen.
Was wirklich läuft und wie, lässt sich an einem Beispiel illustrieren. Im Sommer freute sich Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler ganz besonders über die Besuche von Finanzminister Molterer und Ministerin Schmied. So feurig schilderte Rabl-Stadler die nötigen Baumaßnahmen in den Festspielhäusern, dass der notorisch geizige Finanzminister (VP) für die ehemalige VP-Politikerin (Rabl) ein hübsches Sümmchen locker machte: 7,2 Millionen Euro, eine Sonderfinanzierung. Nur für Investitionen. Ausnahmsweise. Wir wollen doch nicht, dass den verehrten Festspiel-Mäzenen ein paar Brösel vom Plafond ins Champagnerglas plumpsen. Und die Subventionserhöhung für Salzburg, wetten wir, wird auch noch nachgereicht - wie Grünen-Kultursprecher Wolfgang Zinggl prophezeite. Keine allzu kühne Vorhersage.
Und was ist jetzt daran so schlecht, dass man die Festspiele gut dotiert? Nichts, man soll nur dann nicht vollmundig behaupten, dass einem die kleinen Kulturinitiativen in Stadt und Land ach so eng am Herzen liegen. Genau das aber tut Schmied - und alle Kulturpolitiker vor ihr haben es getan.

Was sie allesamt souverän beherrschen: trittsicher auf dem ideologischen Pfad zu wandeln. Bei Kunststaatssekretär Morak hatte man den Eindruck, dass er den Sparkurs der Schüssel-Regierung nicht ungern mittrage, weil er sich als Künstler oft über Verschwendung, Misswirtschaft im Theater ärgerte. Schmied wiederum bemüht die sozialdemokratische Uralt-Doktrin, wonach Kunstpolitik auch Sozialpolitik sei. Besonders überzeugend wurde diese Idee einst von Urmutter Hilde Hawlicek repräsentiert. Ex-Bankerin Schmied wirkt damit weniger glaubwürdig, aber sie bemüht sich. Bemühen ist ja längst das Wichtigste, in einer politischen Situation, wo allgemein wenig vorangeht.
Die Kulturpolitik dürfte Schmied ohnehin kaum schlaflose Nächte bescheren. Eher die Bildung: Zornige Lehrer können allemal mehr ruinieren als aufgebrachte Künstler.

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