"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Und so beschlossen sie, Politiker zu werden"

Für einen Sitz im Hohen Haus gibt es kein gültiges Anforderungsprofil.

Wien (OTS) - Jetzt also verlässt Gertraud Knoll, ehemalige evangelische Superintendentin mit wechselvoller Kandidaten-Karriere, den politischen Wartesaal namens Bundesrat und betritt das Plenum des Nationalrats als Nachfolgerin Caspar Einems. In die (Auf-)Wärmestube der Zweiten Kammer soll SP-Bundesgeschäftsführer Josef Kalina einziehen. Er wird. Alles andere wäre eine Desavouierung von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer durch die Wiener SPÖ und Michael Häupl.
Das provoziert natürlich wieder einmal die Frage nach den Kriterien der Personalauslese für Volksvertreter-Funktionen und nach dem Stellenwert der sogenannten Parteiräson. Immerhin mussten für Knoll zwei Männer, die der Partei bei der Listenerstellung noch mehr wert waren als sie, auf ihre Chancen verzichten. Eigentlich hätte es ja auch mehr politischen Sinn gemacht, Kalina in den Nationalrat zu schicken. Denn so groß kann diese Koalition gar nicht mehr werden, dass ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon seine Sozi-Antipathie unterdrücken und Kalina plötzlich Beißhemmung bekommen könnte. Also wäre der Nationalrat eigentlich die geeignete Bühne, auf der die beiden mit offenem Visier kämpfen sollten.
Dafür hätte Knoll, einen Listenplatz vor Kalina gereiht, verzichten müssen. Nun stellt sich aber heraus, dass der zwischenparteiliche Diskurs der SPÖ und Gusenbauer weniger wert waren als die Erhöhung der Frauenquote im SPÖ-Klub. Das mögen manche als erfreulich ansehen. Jede Wette, dass es ohne rot-schwarze Regierung anders gewesen wäre! So viel zur Frauenförderung!
Also was macht nun einen Abgeordneten des Hohen Hauses aus? Die Bevölkerung hat sich daran gewöhnt, dass der Bundesrat für viele vieles ist, und zwar alles gleichzeitig: Warteraum, Trainingslager, Zwischenlager, Abstellgleis, Endstation, Vorrats- und Versorgungskammer. Jedes Unternehmen mit einem so chaotischen Leitbild wäre konkursreif. Daher muss der Bundesrat aufgewertet werden. Sollte dies absolut nicht möglich sein, weil politisch unerwünscht, muss zumindest für einen Qualitätsschub bei den Mitarbeitern, sprich Bundesräten, gesorgt werden. Dann könnten die Parteien nämlich nicht mehr Vertreter dorthin entsenden, nur um sich einen Teil der Parteigagen für sie zu ersparen.
Eigentlich wäre es ja höchst an der Zeit, für Politiker am Beginn ihrer Laufbahn inklusive Quereinsteiger ein Anforderungsprofil zu erstellen, um Mindesterfordernisse festzulegen: Fähigkeiten in Rhetorik, Kommunikation (und zwar nicht nur parteiintern, sondern auch mit den Wählern), Teamarbeit und Sachwissen sollten dazu gehören. Fremdsprachenkenntnisse würden helfen, ehe man Vizekanzler werden kann.
Jede Firma arbeitet mit solchen Profilen. Warum nicht auch das

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