WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Grenzen fallen - aber keiner mag kommen - von Herbert Geyer

Die für diese Aktion nötige Bürokratie können wir uns sparen

Wien (OTS) - "Jetzt fallen die Hürden", titelte das WirtschaftsBlatt am vergangenen Freitag nach der Ankündigung von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, Österreichs Arbeitsmarkt für Fachkräfte aus den östlichen Nachbarländern zu öffnen.

Heute liefern wir die Kehrseite nach, die für regelmässige Leser unserer Osteuropa-Seiten nicht wirklich überraschend kommt: Der Ansturm der Ost-Fachkräfte über die nun gefallenen Hürden wird überschaubar sein. Speziell am Bau herrscht in allen in Frage kommenden Ländern bereits spürbarer Arbeitskräftemangel. Wenn überhaupt, dann könnte sich Servierpersonal über die Grenzen locken lassen - wenn die Gehaltsangebote entsprechend sind, dass sich eine Übersiedlung auch lohnt.

Es lässt sich also unschwer vorher sagen, dass die grosszügige Grenzöffnung ungefähr so enden wird wie vor sechs Jahren die Hype um Inder, die als Fachkräfte die europäische IT-Industrie vor dem personellen Zusammenbruch retten sollten: Zwar hat es damals kaum jemand ernsthaft versucht, Inder tatsächlich zu holen - es ist aber vor allem kaum einer gekommen.

Was freilich bleiben wird von Bartensteins Vorstoss, ist ein gewaltiger bürokratischer Aufwand, falls es doch einem Unternehmen gelingen sollte, eine wanderungswillige Fachkraft jenseits des früheren Eisernen Vorhanges ausfindig zu machen: Der Arbeitnehmer muss seine Befähigung nachweisen (schliesslich wird die Grenze ja nur für Fachkräfte aus 50 wohl definierten Qualifikationen geöffnet -sonst könnte ja ein jeder kommen), der Arbeitgeber, dass er diese Fachkräfte im Inland aber auch ganz wirklich nicht findet. Und dann darf der Gesuchte kommen - befristet auf ein Jahr.

Dabei wäre es so viel einfacher gegangen: Die Freizügigkeit der Arbeitnehmer ist eines der ehernen Prinzipien der EU, die nur für den Fall der neuen Mitglieder vorübergehend ausser Kraft gesetzt wurde.

Nun, da evident ist, dass die Überflutung Westeuropas durch polnische Klempner und slowakische Bauarbeiter, deretwegen diese Schutzklausel in die Beitrittsverträge geschrieben wurde, definitiv nicht stattfindet, wäre der einfachste Weg, sie gleich ganz zu streichen. Es wird auch kaum zur Überflutung des heimischen Arbeitsmarktes durch ungelernte Arbeitskräfte aus dem Osten kommen: Erstens haben wir schon für die Ungelernten im eigenen Land keine Jobs. Und ausserdem wird es für die - Stichwort Facharbeitermangel - auch im Osten immer leichter, Arbeit zu finden.

Die Bürokratie können wir uns also sparen.

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