Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Die Matches der Politik

Wien (OTS) - Schade um Caspar Einem. Sein Abgang reduziert die ohnedies geringe Zahl der Volksvertreter mit Intelligenz, Stil und Wissen. Das Defizit an solchen Persönlichkeiten zeigte sich etwa in der jüngsten Parlamentsdebatte, wo außer ÖVP-Übervater Wolfgang Schüssel kein einziger den Standard erreichte, mit dem man international reüssieren könnte.

Dass der linke Einem nun in den Kapitalismus pur wechselt - noch dazu in eine nicht gerade grüne Branche -, offenbart etliche Frustration über das Brachliegen seiner Talente. Auch wenn er seinen Abgang als einen total harmonischen darstellt.

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Angesichts der vielen Desinformationen in der Politik sollte man bisweilen klarstellen, wie die einzelnen Matches wirklich ausgegangen sind: In Sachen Gesamtschule hat die Unterrichtsministerin eine Niederlage erlitten; es sei denn, sie stieße die Einigung noch einmal um, dass es keine
(Gesamt-)Schulversuche ohne Zustimmung der
betroffenen Lehrer und Eltern geben darf. Beim Thema Finanzaufsicht hat hingegen die ÖVP den Kürzeren gezogen; die ihr nahe stehende Finanzmarktaufsicht wurde geschwächt und der Proporz-Riese Nationalbank gestärkt (was auch mit den Problemen der ihre Mitarbeiter schlecht zahlenden FMA zusammenhängt, weshalb ihr ständig ihre Experten abengagiert werden). Und im Fall Arigona schaut es so aus, als ob der Innenminister trotz seines Kantersieges im Parlament nun Salamischeibe für Salamischeibe nachgeben würde.

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Apropos Arigona: Wenn auch nur halbwegs stimmt, was der "Standard" schreibt, dann hat der ORF in dieser Causa die Rolle des Berichterstatters mit der des zynischen Mittäters getauscht. Was sich ja auch durch den wochenlangen Kampagnen-Stil seiner Berichterstattung gezeigt hat. Und sogar der ORF selbst gibt in seinen Dementierversuchen zu, mit mindestens drei "Kontaktpersonen" Arigonas Kontakt gehabt zu haben. Während er den Sehern und Hörern weiter die Mär vom armen, spurlos verschwundenen Mädchen aufgetischt hat! In Ländern mit Medienkultur würde solches Abgleiten eines öffentlich-rechtlichen Senders auf das Niveau von "News" oder "Österreich" (oder "Bild" oder "Sun") unweigerlich zu Rücktritten führen.

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