DER STANDARD-Kommentar "Wenn der Onkel Doktor streikt" von Conrad Seidl

"Die Ärztekammer tut sich schwer, gegen die Gesundheitsreform zu mobilisieren" - Ausgabe 13./14.10.2007

Wien (OTS) - Streiks gehören ohnehin zu den exotischen Erscheinungen in der von Konsens geprägten politischen Kultur Österreichs - aber jener Streik der Ärzte, auf den sich die Österreicher am 8. November einstellen müssen, dürfte eine besondere Kuriosität darstellen. Ausgerufen wird er von der gesetzlichen Standesvertretung der Ärzte - nicht von einer Gewerkschaft. Im Gegenteil: Die Gewerkschaft stellt sich sogar ziemlich offen gegen die Streikpläne.
Ob und wie der Streik überhaupt durchgeführt wird, ist auch noch offen: Einmal wurde er schon angedroht, dann abgesagt, nun wieder angekündigt - wobei es vielleicht doch noch Gespräche mit der Gesundheitsministerin geben soll. Das Thema dieser Gespräche ist selbst vielen der zum Ausstand aufgerufenen Ärzte unverständlich, den Patienten erst recht.
Es geht um Strukturfragen des Gesundheitswesens - vereinfacht gesagt um die Frage: Wer soll entscheiden, wo wie viele Ärzte zu welchen Bedingungen arbeiten sollen, wie sie ausgebildet werden und wie die Qualität gesichert werden soll? Die Expertise dafür liegt bei den Ärzten. Sagen die Ärzte - und ihre Vertreter pochen darauf, dass die Entscheidungen schließlich schon immer maßgeblich von der Ärztekammer bestimmt wurden.
Die Vertreter des Bundes und der Länder haben aber in den letzten Jahren die Struktur von Gesundheitsplattformen aufgebaut, in denen die Politiker das Sagen haben - und deren Entscheidungen sind geprägt von der Angst, dass die Gesundheitskosten explodieren. Also wird nach Produktivitätsreserven gesucht und gespart - hoffentlich zur Freude der Geldgeber, also der Steuerzahler.
Was wiederum den Ärzten nicht schmeckt: Denn Sparmaßnahmen bedeuten für sie selber potenzielle Einkommensverluste. Und zweitens verweisen sie darauf, dass die Steuerzahler vielleicht nicht mehr ganz so viel Freude am Sparen haben, wenn sie selber als Patienten die Folgen der Einsparungen spüren müssen.
Denn das, was sich Politiker und Beamte unter Qualität der medizinischen Versorgung vorstellen, macht sich an messbaren Größen fest - nicht an den Bedürfnissen eines Kranken, ein Vertrauensverhältnis zu denen aufzubauen, die an ihm "herumdoktern". Noch ist dieses Vertrauensverhältnis ziemlich ungebrochen - wer kann, geht immer zum selben Hausarzt, dessen Rat er schätzt. Wer kann, lässt es sich etwas kosten, im Spital von einem Arzt seines Vertrauens operiert zu werden. Wer kann, lässt sich mit der Ärzteflugambulanz nach Hause fliegen, wenn er im Ausland krank wird. Die Ärzte und ihre Vertreter nehmen das gerne als Beleg dafür, dass man am derzeitigen System möglichst wenig ändern sollte. Und sie entwerfen Schreckensbilder von kranken Menschen, die nur noch als Nummer - als Sozialversicherungsnummer immerhin - durch ein weitgehend anonymes Gesundheitssystem geschleust werden.
Wenn es zu dem so genannten Streiktag am 8. November kommt, werden diejenigen, die mitmachen, wohl entsprechende Informationen an ihre Patienten vermitteln - auf gewisses Verständnis dürfen sie hoffen. Und auf einen Multiplikatoreffekt: Allein im niedergelassenen Bereich gibt es pro Jahr 70 Millionen Patientekontakte, wenn Herr oder Frau Doktor bei jedem davon nebenbei ein paar kritische Worte über die Gesundheitsministerin sagt, kann das die ÖVP die nächste Wahl kosten. Tatsächlich würde es nicht schaden, wenn die Ärzte ihre Patienten besser über ihren Berufsstand informieren wollten. Natürlich gibt es da eine kontrollverliebte Bürokratie, verschärft durch die E-Card -das spürt jeder, der nun wegen jedes einzelnen Rezepts persönlich mit der E-Card in die Ordination pilgern muss. Natürlich gibt es teilweise unmenschliche Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen. Aber es gibt andererseits unerklärbar große Einkommensunterschiede im Berufsstand und die Praxis, dass etablierte Ärzte jüngere Kollegen kräftig ausbeuten. Bei den davon Betroffenen ist die Neigung zum Streik übrigens am geringsten.

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