Vranitzky: Wachsamkeit gegenüber neonazistischen Elementen sichert Hygiene des demokratischen Zusammenlebens ab

Podiumsdiskussion zu "Nationalsozialismus und Erinnerung" aus Anlass des 70. Geburtstages von Altbundeskanzler Vranitzky

Wien (SK) - "Erinnern darf nicht als Aufwärmen historischer Begebenheiten missinterpretiert werden, vielmehr ist Erinnern politische Führungsaufgabe gegenüber nächsten Generationen", um aufzuzeigen, zu welchen Schrecken Demokratieverlust führen könne, so Altbundeskanzler Franz Vranitzky Donnerstagabend bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zum Thema "Österreich und Nationalsozialismus. Wie notwendig ist das Erinnern?". Vranitzky, dessen 70. Geburtstag mit der im Rahmen der "Wiener Vorlesungen" abgehaltenen Veranstaltung gewürdigt wurde, betonte weiters, dass "die Wachsamkeit gegenüber neonazistischen Elementen auch dabei helfen soll, die Hygiene unseres demokratischen Zusammenlebens abzusichern". Mit seinen beiden mittlerweile in den historischen Kanon eingegangen Reden in den Jahren 1991 und 1993 habe Altbundeskanzler Franz Vranitzky mit der Absage an Österreichs Selbstverständnis als "erstes Opfer von Hitler-Deutschland" einen "Quantensprung" vollzogen, der den "Weg Österreichs hin zu einer aufgeklärten und selbstbewussten Republik" ebnete, so die Historikerin Helene Maimann in Würdigung Vranitzkys. ****

Altbundeskanzler Franz Vranitzky betonte in seinem Statement, dass sich sein "Erfahrungs- und Denkprozess aus der Überschneidung zweier Kreise" herleite. Zum einen gebe es da jenen Kreis, der auf die Beachtung, Erneuerung und Belebung der Forschung der Historiker abziele. Dieser erste Kreis jedoch, werde überlagert von einem zweiten, größeren Kreis, so Vranitzky, der sich hier auf das "Wiederaufflammen nationalsozialistischer Ideen in nahezu allen Ländern Europas und selbst in den USA" bezog. Vor diesem dräuenden Hintergrund sei es "wichtig und auch vertretbar, dass alle nachfolgenden Generationen wissen sollen und müssen, dass Demokratieverlust wieder dazu führen kann, dass jungen Menschen ihre Zukunft und auch ihre Persönlichkeit weggenommen wird", betonte Vranitzky den zentralen Wert von Erinnerungskultur.

Vranitzky nahm aber auch zu seiner damaligen reservierten Haltung gegenüber den Freiheitlichen unter Jörg Haider Stellung:
"Gesinnungsmäßig und intellektuell hätte ich als Spitzenkandidat der SPÖ nicht gewusst, wie ich die Kooperation mit einem vertreten kann, der sich vom Nationalsozialismus nicht eindeutig abgrenzen kann". Bis heute sei er überzeugt davon, dass es im Falle einer solchen Kooperation zu einem "fürchterlichen Schiffbruch" gekommen wäre, ergänzte der erst kürzlich 70 Jahre alt gewordene Jubilar. Vranitzky unterstrich auch, dass seine am 8. Juni 1991 im österreichischen Parlament abgegebene Erklärung über die Mitverantwortung Österreichs für die Nazi-Gräuel "längst fällig" war. Schließlich galt es auch, aufzuzeigen, was passiere, wenn Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden, so Vranitzky.

Charim - Die Reden Vranitzkys markieren den Beginn einer neuen österreichischen Identität

Die Philosophin und politische Publizistin Isolde Charim unterstrich in ihren Ausführungen, dass die beiden Erklärungen Franz Vranitzkys über die Mitverantwortung Österreichs auch so etwas wie den "Beginn einer neuen österreichischen Identität" markierten. Georg Hoffmann-Ostenhof (Ressortleiter Außenpolitik "profil") unterstrich bei der von Peter Lachnit moderierten Diskussion, dass durch die beiden Reden auch ein "Schwenk im österreichischen Selbstverständnis" ausgelöst worden sei. "Die Erinnerung an den Nationalsozialismus macht auch deutlich, dass selbst ein hoher Grad an Zivilisation nicht vor dem Rückfall in Barbarei schützt", bekräftigte der Journalist. Der Historiker Gerhard Botz würdigte mit Blick auf die von Vranitzky abgegebenen Erklärungen abschließend die "bahnbrechende Leistung" des Altbundeskanzlers. (Schluss) mb

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