"Kleine Zeitung" Kommentar: "Che Guevara, Wodkaflaschen und der Sieg des Kapitalismus" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 09.10.2007

Graz (OTS) - Heute vor vierzig Jahren erschoss Mario Ter'an
Ernesto Che Guevara. Man trennte die Arme vom Rumpf des Revolutionärs und verscharrte diesen nahe dem Flughafen von Vallegrande in Bolivien. Dort wurden die Reste vor zehn Jahren gefunden und im Triumphzug nach Kuba gebracht. Auf einer Wand in Vallegrande steht zu lesen: "Che - so lebendig, wie sie ihn nie haben wollten".

Che Guevara war 39 als er starb. Heute ist er eine Ikone, ein Märtyrer für die gute Sache der Unterdrückten. Sein Gesicht steht für Aufbegehren, für Unangepasstheit, für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Es prangt auf T-Shirts, auf Posters und Fahnen.

"Es ist üblich, dass die Verehrer von Kultfiguren nichts vom wirklichen Leben ihres Helden wissen", schreibt Alvaro Vargas Llosa in einem Versuch, den seltsamen Mythos zu erklären. Hunderte von Che Guevara unterzeichnete Todesurteile, eigenhändig vollstreckte Hinrichtungen von Bauern, deren revolutionärer Eifer zu Wünschen übrig ließ, die Errichtung eines Geheimdiensts nach dem Muster des sowjetischen KGB und das völlige Scheitern seiner Planwirtschaft konnten dem Nachruhm des Mannes nichts anhaben.

Politische Heldenverehrung ist dem Heiligenkult verwandt. Franz Werfel beschreibt in seinem letzten Buch, "Stern der Ungeborenen", die Vision von orthodoxen Geistlichen, die Bilder von Revolutionsführern durch Moskau tragen - eine kühne, albtraumhafte Verknüpfung unvereinbarer Welten.

Die katholische Kirche hat im 16. Jahrhundert ein komplexes Auswahlverfahren entwickelt, das die unkontrollierte Verehrung problematischer Kultfiguren verhindern soll. Zur Dekonstruktion falscher politischer Helden bleiben nur Historiker - und die Presse.

Bald nach dem Mauerfall machte sich der "Spiegel" daran, einen Säulenheiligen der Linken zu entthronen: Lenin. Was Historiker in sowjetischen Archiven fanden, drang durch das Massenmedium überallhin: Der Revolutionsführer hatte nur weniger Zeit gehabt zu morden als Stalin, es fehlte ihm keineswegs am Willen. Mao Tsedong, ein anderer Held der europäischen Linken, wurde erst kürzlich von einer Biographin aller Romantizismen entkleidet.

Ches Beschwörungsmacht ist noch intakt. Doch das Gesicht bedeutet immer weniger. Es ziert heute Wodkaflaschen, Bierkrüge und Modeacessoires. Auf dem Brustkorb eines Argentiniers hat Alvaro Vargas-Llosa die Aufschrift gefunden: "Ich habe ein Che-T-Shirt und weiß nicht, warum". Che droht zum Opfer seines Erzfeinds zu werden:
des Kapitalismus. ****

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