SPÖ-Klubtagung (3) - Zukunftsforscher Zellmann skizziert Wandel in Zeitbudget, Bildung und Arbeitswelt

Diskussion der SPÖ-Abgeordneten: Studienplätze ausbauen, Lehrstellenproblematik lösen, Einkommensschere schließen

Villach (SK) - "Die Politik muss die Handlungskompetenz von den derzeitigen Vorgaben global agierender Finanzmärkte zurückerobern, den Terror der Ökonomie beenden und einer solidarischen Leistungsgesellschaft den Weg in die Zukunft zeigen", forderte der Zukunftsforscher Peter Zellmann bei seinem Impulsreferat zum Thema "Neue Wege für Österreichs Zukunft" auf der SPÖ-Klubtagung in Villach. Das Lebenszeitbudget der Menschen, Bildung und auch die Arbeitswelt sei einem starken Wandel unterworfen. Eindringlich warnte Zellmann vor der sich öffnenden "Schere im digitalen Bereich, Online und Offline werden zu Existenzfragen", und rief zur verstärkten Nutzung von Partizipation, Vernetzung und Kooperation für eine lebendige Demokratie auf. ****

Um das zu erreichen, müssten die PolitikerInnen erfassen, dass in Zukunft Bedürfniserfassung vor Marktforschung stattfinden muss, so Zellmann. "In einer gut entwickelten Demokratie muss es darum gehen, die Bedürfnisse, Stimmungen und Einstellungen der Menschen zu erfassen, ihre Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte ihrer Lebensplanung zu kennen und daraus ein politisches Programm für Österreichs Zukunft in Europa zu entwickeln", legte der Zukunftsforscher dar. "Wir sind und bleiben zwar eine Leistungsgesellschaft, deren Interpretation von Produktivität und Lebenszielen aber nicht mehr allein der klassisch-ökonomischen Beurteilung überlassen bleiben wird. Die Arbeitswelt ist von diesem Wandel besonders betroffen", erläuterte Zellmann.

Zellmann skizzierte auch die "dramatische Veränderung des Lebenszeitbudgets" und der damit einhergehenden Lebensstile der Menschen in Arbeit und Freizeit. Freizeitorientierung, so Zellmann, bedeute nicht Leistungsverweigerung und Hedonismus, Lebensqualität werde für die Menschen immer wichtiger als Lebensstandard, und durch die steigende Lebenserwartung würden Lebensstile immer weniger Ausdruck des chronologischen Alters. "Zeit produktiv zu nützen bedeutet im 21. Jahrhundert vor allem, über Zeitsouveränität und Informationssicherheit zu verfügen. Der mündige, informierte Allrounder fühlt sich im Netzwerk sicherer als im Insiderkreis der Fachexperten", so Zellmann. Dabei müsse Partizipation effizient organisiert werden. "Nicht Einzelwissen und Expertokratie, sondern Vernetzung, Kooperation als lebendige Demokratie ist den Menschen in der Zukunft wichtig. Man muss sie ihren Bedürfnissen entsprechend am Entscheidungsprozess teilhaben, nicht teilnehmen lassen", mahnte Zellmann ein.

Zellmann skizzierte abschließend einige "Patentrezepte, die wir auf dem Weg in die Zukunft dringend beachten müssen". Unter anderem nannte er die Veränderung der Bildungs- und Ausbildungswege, wobei den veränderten Lebensstilen mit mehr sozialer und kultureller Kompetenz als nur reiner Wissensvermittlung Rechnung getragen werden müsse. Auch dürfe Weiterbildung nicht auf berufliche Fortbildung beschränkt werden. Internationalität werde zum Normalzustand. Zu beachten, so Zellmann, sei auch die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, etwa in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Einkommen oder Arbeitswelt. "Keine davon ist aber so bedrohlich wie die digitale Spaltung. Online und Offline werden zu Existenzfragen. Die Schere zwischen Verlierern öffnet sich", warnte Zellmann.

Diskussion: Broukal: Zahl der Studienplätze erhöhen - Bauer: Soziale Innovation muss mit technologischer Schritt halten

Im Anschluss an die Referate von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und Zukunftsforscher Zellmann nahmen die SPÖ-Abgeordneten in der Diskussion auf die Ausführungen Bezug. SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal ging auf die aktuelle Debatte um Zugangsbeschränkungen an den Unis ein und bekräftigte seine Forderung nach Erhöhung der Zahl der Studienplätze um zehn Prozent an den besonders nachgefragten Studienfächern. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer forderte, sich noch stärker mit der Lebensrealität der Frauen zu beschäftigen. Auf die noch immer zu große Einkommensschere müsse man auch mit einer "Professionalisierung" reagieren, etwa durch ausreichende Kinderbetreuungsplätze. SPÖ-Abgeordnete Sonja Ablinger plädierte in der Frage Einkommensgerechtigkeit auch für "radikalere Schritte", indem etwa größere Unternehmen gezwungen werden, ihre Einkommensstatistik über Männer- und Frauen-Gehälter zu veröffentlichen.

Mit dem Thema Einkommensgerechtigkeit beschäftigte sich auch Abgeordneter Franz Riepl in seinem Statement. Die Entwicklung der Managergehälter im Vergleich zur allgemeinen Lohnentwicklung sei "fast schon unanständig"; hier habe man noch nicht die richtige Antwort gefunden. Abgeordneter Hannes Bauer monierte, dass soziale Innovationen hinter den technologischen zurückbleiben; nur die Wohlstandsgesellschaft könne Gegensätze überbrücken. Marianne Hagenhofer forderte, an die Existenzsicherung für jene zu denken, die den Hochschulabschluss im zweiten Bildungsweg machen. Peter Marizzi verwies auf die aktuellen Probleme am Lehrstellenmarkt, die es - bei aller Orientierung auf Zukunftsfragen - "jetzt" zu lösen gelte. "Spur halten" forderte SPÖ-Behindertensprecherin Christine Lapp in der aktuellen Bildungsdebatte und kritisierte Aussagen von AHS-Lehrern, wonach man nicht Hochbegabte gemeinsam mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichten könne. SPÖ-Tourismussprecherin Melitta Trunk verwies auf notwendige politische Weichenstellungen für die heimische Tourismuswirtschaft; "die Konzepte dafür liegen auf dem Tisch, werden aber leider vom zuständigen Minister Bartenstein schubladisiert". Und Staatssekretärin Heidrun Silhavy, in der Regierung für e-government zuständig, nahm die Thesen von Peter Zellmann zur Partizipation auf; hier habe der Staat die Verpflichtung, diese zu ermöglichen. (Schluss) gd/ah

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