Viermal "Erinnern und Vergessen": Ö1-"Im Gespräch" mit Donna Leon, Jan Assmann, Günter Grass und Eric Hobsbawm

Wien (OTS) - Krimiautorin Donna Leon (4.10.), Kulturwissenschafter Jan Assmann (11.10.), Literaturnobelpreisträger Günter Grass (18.10.) und Historiker Eric Hobsbawm (25.10.) sind im Oktober die Gäste der wöchentlichen Ö1-Reihe "Im Gespräch", jeweils donnerstags um 21.01 Uhr.

"Erwürgen ist auch etwas Feines" - In "Im Gespräch" am 4. Oktober spricht Michael Kerbler mit Donna Leon, die kürzlich ihren 65. Geburtstag feierte. Die Persönlichkeit Donna Leon auf die Kriminalschriftstellerin zu reduzieren, hieße, ihre ersten 50 Lebensjahre auszublenden. Ihr Leben in China, in Saudi-Arabien und im Iran aus ihrer Biografie zu löschen. Sowie die Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnisse, die sie dort gemacht hat. Etwa dass sie sich in Saudi-Arabien weigerte, den Unterricht an der amerikanischen Universität verschleiert zu halten. Sie musste gehen. In Donna Leon, die über die englische Schriftstellerin Jane Austen dissertierte, nur die erfolgreiche Krimiautorin zu sehen, würde außerdem ein Vierteljahrhundert ihrer Lehrtätigkeit über englische und amerikanische Literatur ausblenden. Und auch Donna Leons Passion für klassische Musik würde ignoriert. Georg Friedrich Händel und dessen Opern haben es ihr angetan, so sehr, dass sie als Mäzenin dazu beiträgt, alle Händel-Opern auf CD einzuspielen. Die Amerikanerin -sie kam 1942 in New Jersey zur Welt - verließ 23-jährig ihre Heimat, um in Perugia und Siena weiterzustudieren. Sie blieb im Ausland, arbeitete als Reiseleiterin in Rom, als Werbetexterin in London, bevor sie als Lehrerin an amerikanischen Schulen in Europa und Asien tätig war. Sie lehrte englische und amerikanische Literatur an einer italienischen Universität in der Nähe von Venedig, wo sie seit 1981 lebt. Zu ihrem Krimi-Erstling fand Donna Leon übrigens über ihre Leidenschaft für die Oper. Nach dem Besuch einer Probe im venezianischen Opernhaus "La Fenice" ereiferte sich einer ihrer Begleiter über den Maestro am Pult: "Ich könnte den Dirigenten umbringen!" - Der Gedanke "Mord in der Oper" elektrisierte plötzlich die ganze Runde. Von der Idee bis zur Verwirklichung, den Stoff zu einem Kriminalroman zu verarbeiten, der in "La Fenice" spielt, war es nicht weit. Donna Leon machte sich ans Werk, erfand Commissario Guido Brunetti, um den Mörder des Dirigenten zu fassen. Das Resultat ist bekannt: Der Titel des ersten Bandes trug den Titel "Venezianisches Finale".

Im Rahmen der Österreich-Tour findet "Im Gespräch" am Sonntag, den 7. Oktober beim "steirischen herbst" in Graz statt: Michael Kerbler begrüßt im mobilen Zelt am Karmeliterplatz den Kultur- und Religionswissenschafter Jan Assmann, Beginn ist um 11.30 Uhr, der Eintritt ist frei. Der Mitschnitt ist am 11. Oktober (21.01 Uhr) in Ö1 zu hören. Thema des Gesprächs ist die Rolle des kulturellen Gedächtnisses bei der (Re-)Konstruktion von Vergangenheit und Identität. Es ist die Fähigkeit zu erinnern, die Menschen erst zu Menschen macht. Biographische Erinnerungen sind essentiell, sie sind das Material aus dem das Bild der eigenen Identität geformt wird. Die Identität von Kulturen und Gesellschaften speist sich somit sowohl aus kollektivem Wissen als auch Vergessen. Beide Komponenten gehören untrennbar zusammen, denn lückenlose Erinnerung käme dem totalen Vergessen gleich. Ebenso ist Vergessen(-können) notwendig für die Ökonomie des Gedächtnisses. Die neuen digitalen Speichermöglichkeiten haben das Gleichgewicht zwischen Erinnern und Vergessen nachhaltig gestört. Im Gespräch mit Michael Kerbler zeigt Jan Assmann auf, wie die Folgen historischer Ereignisse bis in die aktuelle Zeitgeschichte hereinreichen. Weil es das kulturelle Gedächtnis so will, sind Waterloo, die Schlacht auf dem Amselfeld und die jüdische Festung Massada immer noch gegenwärtig.

Mitte Oktober wird der Literaturnobelpreisträger Günter Grass 80 Jahre alt. In Ö1 ist am 18. Oktober in "Im Gespräch" eine Zusammenfassung der beiden großen Gespräche, die Michael Kerbler mit Grass geführt hat, zu hören. Das von Grass in seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" spät nachgereichte biografische Detail, drei Monate in der Waffen-SS gedient zu haben, löste in der zweiten Jahreshälfte 2006 eine Flut von Kritik aus. Die stets wiederkehrende Frage lautete: Warum sein langes Schweigen? Günter Grass in "Im Gespräch": "Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich gefangen war in dieser Ideologie, als Hitlerjunge und bis zum Schluss wie ein Idiot an den Endsieg geglaubt habe. Ich habe im Gegensatz zu vielen anderen mich nicht als nachträglicher Widerstandskämpfer aufgespielt. Man kann das als Versäumnis ansehen, dass ich nicht darüber gesprochen habe. Ich konnte es nicht. Es steht im Buch drin. Es lag bei mir wie verkapselt. Ich habe auch nicht schlüssige Erklärungen dafür. Ich will das auch nicht verteidigen in dem Sinne. Und ich bin auch froh, dass es jetzt draußen ist. Es brauchte seine Zeit."

"Erinnerungen an ein Jahrhundert der Extreme" lautet der Titel von "Im Gespräch" am 25. Oktober. "Ich bin alt genug, um tausendjährige Reiche überlebt zu haben", sagt der Historiker Eric Hobsbawm, der im Sommer dieses Jahres seinen 90. Geburtstag feierte. Hobsbawm zählt zu den großen, zu den ungewöhnlichsten Historikern unserer Zeit. 1917 in Alexandria, Ägypten, geboren, verbrachte er seine Schulzeit im Wien der Zwischenkriegszeit, das ihn nachhaltig prägte, und studierte und lehrte in London. Als der Kommunismus aus Europa verschwand und die UdSSR implodierte, setzte sich der damals fast Achtzigjährige hin und schrieb sein großes Alterswerk: "Das Jahrhundert der Extreme", über das "kurze 20. Jahrhundert", das seiner Ansicht nach 1914 begann und 1991 endete. "Es war ein Jahrhundert der Extreme, in dem die Paradoxe größer waren als je zuvor", sagt Hobsbawm. "Einerseits die größten Leiden, die größten Kriege, die größten Menschenverluste. Andererseits die riesigsten Fortschritte in der Technologie, in der materiellen Wirtschaft, in der Hebung des Lebensniveaus. Und da war auch die ungeheure Beschleunigung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts." Helene Maimann führte in London mit Eric Hobsbawm ein Gespräch über seine Kinderjahre, über Jazz und Rockmusik, über politische Leidenschaften, über die 68er, über Kommunismus und Weltrevolution und das Scheitern daran und warum wir darauf gefasst sein müssen, dass in den nächsten 30 Jahren fast unlösbare Probleme auf uns zukommen.

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