"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Neue Mittelschule" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 30.09.2007

Graz (OTS) - Ein möglichst starkes Bildungsfundament für möglichst viele Heranwachsende - warum diese Formel eine ideologische sein soll und keine der reinen Vernunft, gehört zu den Mysterien der österreichischen Schuldebatte. Es ist im Übrigen, wenn man die Formel ernst nimmt, das anspruchsvollere Konzept als die frühe Parzellierung von Begabungen, ohne deren Reserven ausschöpfen zu müssen.

Frühe Differenzierung hebt nicht das allgemeine Niveau, es erzieht dazu, Schüler mit Schwächen weiter- und durchzureichen. Das kann sich ein kleines Land nicht leisten. Sein Ziel muss es sein, möglichst viele möglichst weit zu bringen. Das gelingt mäßig. Zu viele der 15-Jährigen haben eklatante Mängel. Zu wenige werden in die höheren Schulen geführt, zu wenige von dort an die Unis.

Die Neue Mittelschule für die Zehn- bis Vierzehnjährigen ist der Versuch, darauf eine Antwort zu geben. Die Schlüsselfrage für die Akzeptanz und den Erfolg ist, was dort stattfinden soll: Welche Lehrer mit welchen Ressourcen welches Konzept von Bildung verwirklichen. Ob Standards für den Abschluss festgeschrieben und extern überprüft werden.

Vor allem aber: Worin das Neue der Schule besteht. Wie mit den Schwächeren gearbeitet wird und wo die Mittel herkommen. Wer mit ihnen in kleinen Gruppen lernt und sie wieder in den Klassenverband zurückführt. Ob dafür Pädagogenteams in den Klassen stehen oder weiter das Einzelkäpfertum regiert. Ob Schule den Lehrern und Schülern mehr Zeit gibt, den Lehrern Arbeitsräume und den Kindern ein warmes Essen. Und wie durch die gedehnte gemeinsame Zeit die nachhilfefreie Schule verwirklicht werden kann.

Bildungsministerin Claudia Schmied bleibt die Antworten auf die Fragen schuldig. Das Vakuum füllt die Lehrergewerkschaft. Es gibt ihr die Möglichkeit, die Ideologie-Karte zu spielen und das Spiel mit den Schreckbildern und Ängsten.

Wenn Schmied nicht bald über die Inhalte der neuen Strukturen spricht, wird ihr die Gewerkschaft diese Inhalte unterstellen und so die verunsicherten Gymnasiallehrer manipulativ in die Gegnerschaft treiben. Das hat sie kommende Woche an den Schulen vor.

Die Ministerin wird die Lehrerschaft rasch überzeugen müssen. Das geht nicht per Gesetz. Die AHS-Pädagogen sollen wissen, wie die Verschränkung mit den Hauptschullehrern abläuft. Und sie sollen Gewissheit haben über die Mittel für die Neue Mittelschule. Sie sind gebrannte Kinder der Sparpolitik und wissen: Ohne zusätzliche Ressourcen kann nichts Neues entstehen. Sonst bekäme die Frustration nur ein neues Dach. Das wäre keine neue Schule.****

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