Konflikt um Elektronische Gesundheitsakte hält an

Ärztekammer kritisiert "elektronische Spielerei" - Lückenlose Protokollierung der Zugriffe soll Datenschutz gewährleisten - Erste Ausbaustufe bis 2012 abgeschlossen

Wien (OTS) - Die "Elektronische Gesundheitsakte" (ELGA), in der künftig die medizinischen Daten der Österreicher gespeichert werden sollen, erhitzt weiter die Gemüter. Während Befürworter durch den Einzug von Informationstechnologie ins Gesundheitswesen deutliche Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen erwarten, sieht die Ärztekammer in der Gesundheitsakte eine "Spielerei", die noch hohe Ausgaben nach sich ziehen wird. Entsprechend unterschiedlich waren die Positionen bei einer Podiumsdiskussion der APA-E-Business-Community gestern, Donnerstagabend, in Wien.

"In den Krankenhäusern und im Sozialversicherungsbereich gibt es ja schon Mini-ELGAs. Jetzt geht es um die Vernetzung und entsprechende Zugriffsmöglichkeiten", erklärte Theresa Philippi, stellvertretende Programm-Managerin der ARGE ELGA, die für die Einführung der Elektronischen Gesundheitsakte zuständig ist. Entgegen den von der Ärztekammer prognostizierten Einführungskosten von 30 Mrd. Euro gehe man von einem Investitionsbedarf von rund 30 Mio. Euro in der ersten Umsetzungsphase von 2007 bis 2012 aus. Ärztekammer-Präsident Walter Dorner hatte im Sommer noch befürchtet, dass die ELGA auf dem Weg zum "Eurofighter des Gesundheitswesens" sei.

Die Österreicher könnten ihre Gesundheitsinformationen - also Diagnosen, Befunde und Krankheitsverläufe - künftig über ein Internetportal abrufen, indem sie sich per E-Card oder eine andere Bürgerkarte anmelden, so Philippi. Die Patientenakte soll aber beispielsweise auch ausländische Studenten oder Touristen umfassen, wenn sie in Österreich behandelt werden. Weiters müsse man für ältere oder weniger technikaffine Personen das Zugriffsrecht auf die eigenen Daten gewährleisten, stellte die Managerin fest. Wie man das konkret umsetzen könnte, sei allerdings noch nicht klar. Durch Standards könne auch eine zukünftige internationale Anbindung ermöglicht werden. "Das heißt aber nicht, dass der griechische Arzt im Fall der Fälle unbedingt Deutsch kann", so Philippi.

"Die Ärzte sind alles andere als vom Zusatznutzen überzeugt, überhaupt bei den enormen Kosten, die ELGA verursacht. Für uns ist das überspitzt formuliert eine elektronische Spielerei", kritisierte hingegen Gerhard Holler, stellvertretender Kammeramtsdirektor bei der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Besondere Sorge bereitet ihm der Eingriff in die ärztliche Verschwiegenheitspflicht. "Und wenn eines Tages die Lebensversicherung einen vollständigen ELGA-Auszug vom Bürger verlangt, wird es noch viele Probleme geben", so Holler.

Datenschutz und -sicherheit könnten mit ELGA gegenüber der derzeitigen Praxis sogar verbessert werden, entgegnete Philippi. Wichtig sei die lückenlose Protokollierung der Zugriffe und die Nachvollziehbarkeit durch die Patienten, wer was wann abgerufen hat. Außerdem gebe es Register für Willenserklärungen der Bürger, durch die dem man bestimmte Dokumente für Ärzte oder Apotheker sperren kann. Dies sei ein wesentliches Element der Patientenautonomie, auch wenn man dafür erst ein Konzept erarbeiten müsse.

Zentral werde nur die Information gespeichert, wo die einzelnen Daten - wie etwa Befunde oder Röntgenbilder - zu finden sind. Die für die Behandlung relevanten Dokumente seien weiterhin dezentral bei den Krankenhäusern und in Zukunft auch bei den niedergelassenen Ärzten abgelegt. Derzeit gebe es aber noch ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen dem Datenschutzgesetz und Speicherungs- bzw. Dokumentationspflichten. Die erste Ausbaustufe für ELGA soll bis 2012 abgeschlossen sein. Philippi ließ zudem anklingen, dass letztendlich eine Betreibergesellschaft ähnlich der Telekom-Control-Kommission die Verantwortung für ELGA übernehmen könnte.

Zurzeit sehe die Kammer eher einen Nutzen für IT-Firmen als für Patienten und Ärzte. "Wenn man von einem digitalen Schub für das Gesundheitswesen durch ELGA spricht, kann ich nur sagen, dass wir ohnehin schon die zweite Stufe der Trägerrakete IT gezündet haben", gab sich Holler überzeugt. Dass Ärzte Probleme mit neuen Technologien hätten, werde nur in den Medien so dargestellt. "Von den 5.000 niedergelassenen Ärzten, die bereits miteinander vernetzt sind, werden jährlich rund sechs Millionen Befunde elektronisch verschickt. Wir sind der Vollversorgung schon recht nahe", so der Kammervertreter.

Neben ELGA würde es im Bereich E-Health aber noch viele weitere Anwendungsmöglichkeiten geben, um die Abläufe zu verbessern und die Qualität der Behandlung und Pflege zu steigern, ergänzte Manfred Moser von Hewlett-Packard. Mit den vorhandenen technischen und organisatorischen Mitteln könnten alle derzeitigen Anforderungen an Datenschutz und -sicherheit erfüllt werden, gab sich Moser überzeugt. Die Kunst sei, zu definieren, wer in dem System was abrufen dürfe.

Beim Datenschutz sollten alle Betreiber die Berechtigungen so genau planen wie die ARGE ELGA, wünscht sich Wolfgang Leindecker von NextiraOne Austria. "Im Vergleich dazu gibt es beispielweise beim Melderegister einen absoluten Wildwuchs." Wichtig sei, dass der Staat nicht in alles Einblick habe. Außerdem sei eine Vereinheitlichung der Systeme notwendig. "Wenn jedes Krankenhaus eine andere Steckdosennorm hätte, wäre das auch nicht sinnvoll", sagte Leindecker.

Der Erfolg von ELGA werde maßgeblich von der Akzeptanz abhängen und davon, ob man den Nutzern die Ängste bezüglich Datenschutz nehmen kann, prophezeite Peter Hermann von Microsoft Österreich. "Die Gesundheitsakte schafft die Grundvoraussetzungen, dann soll der freie Wettbewerb entscheiden. Die Ausrichtung auf internationale Standards halte ich deshalb für sehr gut", so der Manager. Natürlich wolle Microsoft dabei eine aktive Rolle spielen.

"ELGA ist der Katalysator für das gesamte Gesundheitswesen, bewegt das starre System und trägt zur Neugestaltung bei. Allerdings wird das Jahre dauern", prognostizierte Claudia Maurer von Kapsch. In Summe könnten E-Health-Maßnahmen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Basis dazu beitragen, dem Patienten mehr Zeit, Ressourcen und Leistungen zuzuführen.

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