"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Gute Nacht Rechtsstaat" (Von Mario Zenhäusern)

Ausgabe vom 28. September 2007

Innsbruck (OTS) - Im Bezirk Kitzbühel hat ein Mann seinen erst
drei Monate alten Sohn beinahe zu Tode geschüttelt. Der Säugling erlitt schwerste Verletzungen: eine Gehirnblutung und Rippenbrüche. Mittlerweile erholt sich der Bub bei einer Pflegefamilie. Ob er Spätfolgen davontragen wird, kann zu diesem Zeitpunkt noch niemand sagen.

Polizei und Staatsanwaltschaft waren wochenlang nicht über den Fall informiert. Weder die Ärzte im Krankenhaus noch die von diesen alarmierten Sozialarbeiter der Jugendwohlfahrt erstatteten Anzeige. Mussten sie auch nicht: Ihr Interesse galt und gilt in erster Linie dem Wohl des Kindes. Experten sind nämlich der Ansicht, reflexartige Anzeigen gegen den Peiniger würden erstens zu einem Zusammenrücken der Familie und Leugnen der Tat führen. Zweitens bestehe die Gefahr, dass das misshandelte Kind später Vorwürfen ausgesetzt sei, für die Probleme des Vaters verantwortlich zu sein.

Auf diese Weise schützen Gesetze, die ursprünglich darauf abzielten, den Opfern zu helfen, plötzlich die Täter. Ungewollt -denn es kann nicht im Sinne des Gesetzgebers sein, wenn jeder kleine Dieb sich vor Gericht verantworten muss, während ein Vater, der seinen drei Monate alten Sohn krankenhausreif prügelt (oder wie im konkreten Fall schüttelt), ungeschoren davonkommt.

Wenn doch, dann gute Nacht, Rechtsstaat.

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