Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Die armen Armen

Wien (OTS) - Fast täglich können wir ergreifende Geschichten von der Armut in Österreich hören oder lesen. Von bösartigen Ämtern, die Vorschriften zum Nachteil Hilfsbedürftiger restriktiv interpretieren; vom Geiz der Hüter des Staatshaushalts, welche die Reichen schonen und die Armen darben lassen.

Diese gebetsmühlenartigen Klagen kontrastieren freilich mit der Tatsache, dass Österreich eine der höchsten Sozialquoten der Welt hat: 28,8 Prozent. Das heißt, in kaum einem Land ist ein so hoher Anteil des BIP für soziale Zwecke, also die Armen reserviert. Es geht hier wohlgemerkt nicht nur um den Anteil am Budget, sondern an allem, was hierzulande erarbeitet und verdient wird.

Wie ist diese Diskrepanz bloß möglich? Man erhält zumindest eine Teilantwort auf diese Frage, wenn man einmal einen direkten Blick unter die Tuchent der zahllosen von Staatsgeldern lebenden "sozialen" Netzwerke erhascht. Zufällig genau an dem Tag, da Edwin Baumgartner im "Theaterdonner" den üppigen Kultursubventions-Strom in das von den Zuschauern gemiedene, dafür vom Sowjetstern (dem Symbol des quantitativ größten Massenmordes der Geschichte) gezierte Volkstheater getadelt hat, verschlägt es den Tagebuch-Autor in eben dieses Volkstheater. Und dort entdeckt er voll Staunen, dass sich dieses nicht nur aus den von Baumgartner angesprochenen Kulturtöpfen von Stadt und Bund üppig zu bedienen versteht. Es ist außerdem auch an - Sozialförderungen herangekommen. An Gelder des "Bundessozialamtes, Landesstelle Wien aus Mitteln der Beschäftigungsoffensive der Bundesregierung (Behindertenmilliarde)", des "Europäischen Sozialfonds" und des "Fonds Gesundes Österreich".

Getarnt durch eine komplizierte "Projekt"- und "Modul"-Konstruktion sowie viel Soziologen-Chinesisch, aber dennoch unbestreitbar, haben da Sozialgelder eine Theater-Produktion finanziert. Gelder, von denen der Steuerzahler aufgrund der Budget-Daten eigentlich annehmen müsste, dass sie direkt Armen, Kranken, Behinderten zugute kommen.

Da bleibt nur noch die Frage offen: Wie oft passiert solches anderswo, ohne dass es irgendjemand außer den Nutznießern erfährt? Das Volkstheater gibt jedenfalls eine erste klare Antwort auf die Frage, warum bei den Armen so wenig ankommt.

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