"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Grünen streiten wieder! Leider nicht über Visionen" (von Eva Weissenberger)

Ausgabe vom 21.09.2007

Graz (OTS) - Die Grünen streiten also wieder. Früher klang das für Funktionäre wie eine Drohung, jetzt fast wie eine Jubelmeldung:
Hurra, wir leben noch!

Sind wildere Debatten und mehr Pluralismus also das Rezept, das die Grünen wieder interessant machen wird? Dieser Schmarrn war für die Wähler schon vor zwanzig Jahren ungenießbar. Eine große Partei kann Flügel tragen, eine kleine hält sich schräge Vögel. Davon gibt es bei den Grünen genug - wie man derzeit sieht.

Oder mehr Aktionismus? Hilfe! Die Alternativen besetzen deshalb keine Büros mehr, weil niemand mitmacht. Mit fünf Hanseln demonstrieren, ist genauso peinlich. Junge Grünwähler sind schwer hinterm Computer hervorzulocken. Ihr Leben spielt sich nicht auf der Straße ab, sondern in der virtuellen Paralellgesellschaft. Dort müssten sich die Grünen engagieren, wollen sie übeleben.

Also mehr Junge in die erste Reihe? Die Grünen werden immer älter. Bei den Pensionsdebatten sorgen sie sich mehr um das Wohl von Frühpensionisten als um das derjenigen, die bis 70 werden arbeiten müssen. Die erste Gruppe wählt die Grünen aber nicht. Nachwuchs, der auf seine eigenen Probleme hinweist, bräuchten die Grauen, Pardon:
Grünen, dringend.

Sie müssen aber nicht in der ersten Reihe stehen: Parteichef Alexander Van der Bellen ist mit seinen 63Jahren für viele, auch junge, Sympathisanten immer noch das Wahlmotiv. Obwohl, besser: weil, er sich so selten zu Wort meldet. Durch und durch politische Menschen, wie die Funktionäre das gerne hätten, sind eben auch die Grünwähler nicht.

Könnte trotzdem das die Lösung sein: Weg mit Van der Bellen? Immerhin ist er nach zehn Jahren der längstdienende Parteichef Österreichs, und Aufbruchstimmung verbreitet er keine. Dann würde Neues nachwachsen. Auf dem Niveau einer Sieben-Prozent-Partei.

Oder doch: radikalere Forderungen aufstellen? Kommt darauf an, wie man radikal versteht. Wenn man den Wortstamm, also Wurzel, hernimmt, dann ja. Wo sind die grundlegenden Visionen der Grünen? Und wie unterscheiden sie sich von jenen von SPÖ und ÖVP? Von welchem Pensions-, welchem Steuersystem träumen sie? Wie schaut die Schule der Zukunft aus? Mag sein, dass es dazu Konzepte in irgendeiner Lade gibt, aber Wähler wissen nichts darüber.

Trotzdem dürften die Grünen bei den nächsten Wahlen zulegen. So deppert können sie sich - angesichts einer Großen Koalition - gar nicht anstellen. Genau da liegt das Problem: Solange es von selbst bergauf geht, bleibt genug Zeit zum Streiten. ****

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