"KURIER"-Kommentar von Gert Korentschnig: "Viele Ehen scheitern auch an der Politik"

Mit radikalen Vorschlägen lässt sich noch keine Familienpolitik machen.

Wien (OTS) - Man kennt das Phänomen aus dem Sport: Ein angeschlagener Boxer ist am gefährlichsten, weil er ohne Rücksicht auf Verluste wild um sich schlägt. Wenn so etwas in der Politik passiert, wird es schnell bizarr.
In Bayern ist die CSU-Mandatarin Gabriele Pauli drauf und dran, ähnlich marginalisiert zu werden, wie es in Österreich Politiker vom Format eines Westenthaler längst sind. Mit allen Mitteln, und sei es mit einem Fotoshooting in Lack und Leder, versucht sie, Parteivorsitzende zu werden; sie hat keine Chance. Also provoziert Pauli (deren historischer Verdienst es immerhin ist, die verkrusteten Strukturen in Bayern aufgebrochen zu haben), wo es nur geht.
Ihr aktueller Vorschlag: Ehe auf Zeit. Sieben Jahre befristet. Dann müssen die Partner noch einmal Ja zueinander sagen. Oder servus! Nun könnte der eine oder andere (eher als die eine oder andere) eine solche Ehe durchaus raffiniert finden. Man probiert es miteinander -und nach sieben mageren Jahren (oder fetten, je nachdem) nimmt man sich jemand anderen. Aber den Partnerwechsel zu institutionalisieren darf kein politisches Instrument sein. Es gibt ohnehin die Möglichkeit von Eheverträgen.
Der Aufschrei ist groß. Vor allem, weil der Vorstoß von einer -dem Parteibuch nach - konservativen Politikerin kommt. Parteifreunde legen ihr den Austritt aus der CSU nahe - sofort, nicht erst nach sieben Jahren.
Relevanter als Paulis Idee für eine Ehe zweiter Klasse ist die generelle Schwierigkeit, die Länder wie Deutschland und Österreich im politischen Umgang mit der Familie haben. Eben erst gab es die Empörung über die (geschasste) TV-Sprecherin Eva Herman, die bei ihren Zurück-an-den-Herd-Forderungen nicht davor zurückschreckte, Hitlers Familienpolitik zu loben. Dazu ist Paulis Forderung - um es mit Hegel auszudrücken - die Antithese: Nichts hat Bestand, jede Bindung beinhaltet automatisch die Trennung - das Ende jeder romantischen Vorstellung und Gegenteil von traditioneller Ehe. Zwischen diesen Radikalpositionen aufgerieben zu werden, tut weh. Leider bleibt die Politik eine Synthese schuldig - auch bei uns, wo die Familienministerin gerade ihre zweite Scheidung hinter sich gebracht hat. Wie diese Synthese aussehen könnte: Schaffung von ideellen und materiellen Rahmenbedingungen für ein sinnvolles Beisammensein; endlich eine Lösung beim Kindergeld, die es auch (den fast immer besser verdienenden) Vätern erlaubt, eine Zeit lang daheim zu bleiben; mehr und bessere Betreuungsplätze, wenn die Kinder größer sind; Abschreibmöglichkeiten für die Kinderbetreuung; ein Schulsystem, dessen Versäumnisse nicht die Eltern aufholen müssen. Im städtischen Raum scheitern mehr als 50 Prozent der Ehen. Nicht so sehr wegen der angeblich an jeder Ecke lauernden Versuchung, sondern weil so viele den Spagat zwischen Beruf, Familie und Kindern nicht mehr schaffen. Kein Wunder bei dieser Politik.

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