"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Magna Charta zur Freiheit der Kunst gilt für beide Seiten" (Von Michael Tschida)

Ausgabe vom 20.09.2007

Graz (OTS) - Dass uns ein netter Herr mit Wetterfleck und
Steirerhut die Augen und damit den Kopf für Avantgarde öffnet, kann sich heute keiner mehr vorstellen. Aber es gab ja einen Hanns Koren. Der Mann mit dem weichen Gesichtszug und dem harten Gerechtigkeitssinn gründete 1968 nicht nur den "steirischen herbst", sondern verteidigte ihn auch mit Feuer und Schwert.

Die Landtagsrede des ÖVP-Politikers 1975 nach den Tumulten um Wolfgang Bauers "Gespenster", bei denen man den Autor, Koren selbst und am besten gleich das ganze Künstlerpack zum Teufel wünschte, ist heute noch als Magna Charta zur Freiheit (nicht nur) der Kunst gültig. Nachzulesen auf Wikipedia unter Hanns Koren.

"Ungeahnte, den Außenstehenden oft unverständliche Wege zu suchen und zu gehen, ist das legitime Recht des schöpferischen Menschen", sagte Koren damals. Der Reflex blieb dennoch immer der selbe: "Skandal! Schaffen wir den steirischen herbst ab!" Übertroffen wurde er nur noch durch die paradoxen Rufe: "Kein Skandal! Schaffen wir den steirischen herbst ab!" Mit
den alljährlichen Abgesängen auf das Festival könnte man mittlerweile ein fröhliches Liederbüchlein binden und sogar unsere Zeitung hat ja eine Partitur dazu geliefert.

Ja, der "herbst" in Zeiten der Globalisierung verwechselbarer geworden ist in die Jahre gekommen. Heuer feiert er seinen 40er. Alles Gute, Opa! Aber mit dem Festival ist es so wie im echten Leben:
Alter ist weder Krankheit noch Makel, höchstens für die, die glauben, dass es sie nie ereilen wird.

Viel eher ein Makel war die lang geübte Praxis des "herbstes", sich mit den Gegnern wenigbis gar nicht auseinanderzusetzen. Wenn jemand nicht für das "Lichtschwert" war oder nicht für ein Plakat, das einen nackten Hintern zeigte mit der Aufschrift "Das älteste Blasinstrument der Welt", der wurde im besseren Fall als Spießer und im schlechteren als Nazi ins Eck verdammt.
"Wo von vornherein der Schlachtruf ertönt: ,Über solche Dinge gibt es keine Diskussion!`,dort gibt es eben leider keine Diskussion", wusste Koren und meinte damit die voreiligen Kritiker. Dies gilt aber gleichwohl für Kunst und Künstler selbst.

Die Wege sollen weiterhin "ungeahnt, oft unverständlich" sein. Und wenn wie unter der Intendantin Veronica Kaup-Hasler eine erfreuliche Öffnung des Festivals und Durchdringung von Stadt und Land hinzukommen, ist das heurige Motto "Nahe genug" nicht bloß eine Leerformel. Man sieht also: Auch Opas sind lernfähig.****

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