Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Stümperhaft

Wien (OTS) - Es ist eine von vielen kleinen Streitigkeiten, die
das tägliche Bild der österreichischen Innenpolitik prägen, und wird daher nur von den Betroffenen selbst genauer beobachtet. Der Streit ist aber paradigmatisch. Sein Inhalt: Die ausgegliederten Universitäten haben nach langen Verhandlungen mit ihren Angestellten einen Kollektivvertrag abgeschlossen. Nun wollen die KV-Partner diese - vielen Anzeichen nach recht großzügigen - Regelungen vom Steuerzahler bezahlt haben. Das ist eher verblüffend, insbesondere, da die Unis doch knapp vor den Wahlen einen dicken Scheck für ihre zweifellos wachsenden Bedürfnisse (jedoch geringe Einsparungsbereitschaft!) bekommen haben.

Alle Beteiligten mussten aber damals wissen, dass die Kollektivvertragsgespräche irgendwann ein Ergebnis produzieren werden. Hat keiner von ihnen bei der Erhöhung der Uni-Budgets klar und schriftlich festgehalten, dass damit auch die KV-Kosten abgegolten sind? Oder aber, dass diese noch extra aus dem Budget zu bedecken sein werden? Wenn jedoch letzteres der Fall wäre, wieso hat es dann die Vertreter der Republik nicht interessiert, was Rektoren und Betriebsräte zu Lasten der Öffentlichkeit vereinbaren? Die damaligen Wissenschafts- und Finanzminister (samt ihren Beamten) wie auch die Rektoren stehen nun unter einem unschönen Verdacht: dem der Stümperhaftigkeit.

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"Österreich liest": Eine aufwendig gestaltete Einladung landet in der Post. Es war wohl nicht nur der Tagebuchschreiber, der das Poststück schon als eine der vielen Werbedrucksachen einer neuen Boulevardzeitung in den Papierkorb werfen wollte, bevor er - eher zufällig - einen genaueren Blick machte und entdeckte: Die Einladung stammt von der ehrwürdigen Nationalbibliothek.

Was das Resümee erlaubt: Österreich hat es zugelassen, dass sein Name heute mehr mit marktschreierischer Werbung identifiziert wird als mit jener Republik, vor der wir Respekt haben sollten, die von uns fast die Hälfte unserer Einkünfte abkassiert und die von jungen Burschen sogar einen - letztlich auch mit Lebensgefahr verbundenen -Militärdienst verlangt.

Die Republik kommt uns teuer - ist sich aber offensichtlich selbst nicht mehr sehr viel wert.

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