DER STANDARD-Kommentar: "Überprofessionell" von Gerald John

Ausgabe vom 18.September 2007

Wien (OTS) - Wer hätte gedacht, dass irgendwer einmal die alten Zeiten zurücksehnen würde - als die Grünen sich öffentlich befetzten, regelmäßig ihre Parteichefs stürzten und mit waghalsigen Ideen (Haschischfreigabe, Bezinpreiserhöhung) die eigenen Wahlchancen torpedierten. Als lustiger Haufen galten sie damals, aber nie und nimmer als regierungsfähig.
Dieter Brosz, der viel gescholtene Parteistratege, hat Recht, wenn er sich gegen die Glorifizierung früherer Tage wehrt. Die Grünen hatten einen Professionalisierungsschub bitter nötig, und Alexander Van der Bellen hat ihn gebracht. Das ist ein historisches Verdienst, der nicht unterschätzt werden darf.
Doch jetzt drohen die Grünen, ins andere Extrem zu kippen. Brav und übervorsichtig wirken sie, oder - wie es der Europaparlamentarier Johannes Voggenhuber ausdrückt - "ohne jedes Feuer". Gerade mit seiner Kritik an der lahmen Reaktion auf die xenophoben Ausritte des ÖVP-Granden Erwin Pröll, der Minarette "artfremd" nennt, trifft Voggenhuber einen wunden Punkt. Früher hätten grüne Demonstranten Prölls Büro belagert.
Die Grünen haben sich Strukturen straffer Parteien wie der SPÖ abgeschaut - und dabei übersehen, dass diese Schablonen auf ihre überdurchschnittlich kritische Community nicht passen: Die Funktionäre lassen sich ungern an die Leine nehmen, die Wähler schlucken keine vorgekauten Standardfloskeln.
Lebensbedrohlich sind die Krisensymptome derzeit nicht. Doch bedenklich stimmt, dass die Parteispitze bisher eher den Eindruck erweckt, sie halte die Probleme für eine Kopfgeburt von internen Querulanten und Journalisten. Auch da hat sich eine gewisse Tradition eingeschlichen. Auf so mancher grünen Wahlparty der jüngeren Vergangenheit waren an enttäuschenden Ergebnissen immer Haider, die SPÖ oder die Medien schuld. Aber nie die Grünen selbst.

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