WirtschaftsBlatt Kommentar vom 18.9.2007: Microsoft: Die Mühlen der Gerechtigkeit... - von Herbert Geyer

...mahlen fein - aber leider endlos lang

Wien (OTS) - Das europäische Erstinstanz-Urteil gegen Microsoft (siehe Bericht Seite 2) wird allseits mit befriedigtem Kopfnicken zur Kenntnis genommen. Ist ja auch eine Frage der europäischen Selbstachtung, dem US-Software-Konzern seine Grenzen zu zeigen. Und die Begriffe "Microsoft" und "Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung" gelten ja weltweit fast schon als Synoyme. Gegen das Urteil ist also kaum etwas einzuwenden.

Dass es aus Sicht des Gerichts doch ein wenig zu weit geht, Microsoft einen unabhängigen Kontrollor zu verpassen, der Zutritt zu allen Geschäftsgeheimnissen bekommen und sogar noch von Microsoft bezahlt werden soll, ist auch okay - dafür gibt es nach Ansicht des Gerichts keine Rechtsgrundlage, und rechtsstaatlich einwandfrei soll so ein Urteil schliesslich auch sein.

In einem Punkt wurde die Kommission freilich widerlegt - auch wenn das Gericht ihrer Argumentation folgte: Dass der MediaPlayer als Beigabe zum Windows-Betriebssystem Microsoft "einen unschätzbaren Vorteil beim Vertrieb" gebracht haben soll, wurde durch die Auflage, die die Kommission anordnete - das Betriebssystem muss auch ohne MediaPlayer angeboten werden -, falsifiziert: Wenn es getrennt angeboten wird, will das Goody niemand kaufen.

Und so mischt sich in die allgemeine Zufriedenheit ein unangenehmer Beigeschmack: Der Kommissions-Entscheid, der jetzt durch das Urteil bestätigt wurde, stammt aus dem Mai 2004, ist also bereits gut drei Jahre alt. Und seit damals hat sich - gerade in der schnellen Computer-Branche - doch einiges geändert: Nicht nur dass der MediaPlayer floppte, auch die Offenlegung der Schnittstellen für Anbieter von Server-Software ist bei weitem nicht mehr ein so drängendes Problem wie damals. Und schliesslich relativiert auch der mässige Erfolg des neuen Microsoft-Betriebssystems Win-dows Vista die Gefahr, die der US-Software-Gigant für die freie Wirtschaft darstellt.

Relativiert wurde durch den Lauf der Zeit freilich auch die Strafe von 497 Millionen Euro, zu der Microsoft verknackt wurde: Damals, 2004, war das noch Rekord. Wenn freilich heuer ein Formel-1-Rennstall für ein Sport-Vergehen zu 100 Millionen Dollar verdonnert wird und -zähneknirschend, aber doch - zahlt, dann wirkt der Betrag nicht mehr gar so hoch.

Fazit: Gegen das Urteil an sich ist nichts einzuwenden. Schön wär's halt gewesen, wenn es ein paar Jahre früher gekommen wäre.

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