"Kleine Zeitung" Kommentar: "Auch ein neuer Teamchef hätte die alten Probleme" (von Günter Sagmeister)

Ausgabe vom 13.09.2007

Graz (OTS) - Schlusspfiff in Wien und zeitgleich läutete das Telefon in der Redaktion. Ein Leser empörte sich: "Schreibt's endlich, dass der Hicke weg muss. Das ist ja peinlich." Also: Josef Hickersberger muss weg. Sofort.

Klar, dass Länderspiele wie gegen Japan oder Chile reflexartig den Ruf nach einem neuen Teamchef auslösen. Die Wienerin Aloisia Hrdliczka, mit 93 Jahren die älteste "Euro-Botschafterin" des Landes, sagte dazu in einem "Standard"-Interview: "Herr Hickersberger schafft es nicht, weil es keiner schaffen kann. Jeder hat es schwer bei dem Haufen, den wir da haben." Das ist der Punkt: Spielerisch ist bis zur Euro und bei der Euro nichts zu erwarten, deshalb macht es auch nichts, wenn Josef Hickersberger bis zu den Frühjahrsschlappen gegen Deutschland und Niederlande im Amt bleibt. Dann wird sowieso von höchster Stelle die Reißleine gezogen und Herbert Prohaska als Wunderwuzzi präsentiert. Den mag auch Frau Hrdliczka, weil der Schneckerl immer ein Guter war. Er wird zumindest frische Hoffnung bringen, auch wenn die Teamspieler mangels Alternativen dieselben bleiben.

Hickersberger kann man taktische Fehler vorwerfen und mangelnde Motivationskunst. Aber das Problem ist nicht nur die Person des Teamchefs, sondern das System. Viele Spieler sind in ihren Vereinen nur Mitläufer, die auf einmal bei der Heim-EM Großes leisten sollen. Das verunsichert, das macht Angst. Der österreichische Teamspieler hat kein physisches Problem, sondern ein psychisches. Junge Spieler wurden nach der U20-WM heroisiert, dabei haben sie nur mit den weltbesten Gleichaltrigen mitgehalten. Von einem Koch-Lehrling wird schließlich auch nicht verlangt, dass er nach Abschluss seiner Lehre Vier-Hauben-Menüs hervorzaubert.

Selbst der Ruf nach Routiniers à la Vastic verhallt, wenn ein Alex Zickler zum "besten Spieler der Bundesliga" gewählt wird, unmittelbar nachdem ihm mit Salzburg in der Champions-League-Qualifikation nach 70 Minuten die Luft ausgegangen ist. Das Mäzenatentum kaschiert zusätzlich, wie klein Österreich ist. Ein Kaka verdient in Mailand sechs Millionen Euro netto im Jahr, Altach hat ein Saisonbudget von 4,2 Millionen. Die Realität kennt Hickersberger genauso gut wie Herbert Prohaska.

Aber trotz unserer Fußballer wird die Euro das größte Spektakel, das Österreich je erlebt hat. Die Welt wird zur Euro nach Österreich und in die Schweiz schauen und ganz egal, wie der Teamchef heißt, erwartet sich auch Frau Hrdliczka kein Wunder von Wien. "Blödsinn", sagt sie. ****

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