"Kleine Zeitung" Kommentar: "Kein neues Regensburg" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 09.09.2007

Graz (OTS) - Man mag dem Papst vorhalten, dass er als Staatsmann, der er ja auch ist, Formulierungen gerne nah an den Grat setzt, an das Abschüssige. Dass er etwas zu oft missverstanden wird und bisweilen dem Missverständnis Vorschub leistet.

Für seine Rede in der Hofburg gilt das nicht. Die Hofburg ist nicht Regensburg. In Wien ist Benedikt XVI. einer Skandalisierung zum Opfer gefallen, für die sich die Textstelle über die Abtreibung nicht eignet. Sie gibt nur die Haltung der Kirche wieder: Dass die vielen Abtreibungen - 40 Millionen sind es jährlich weltweit - eine "soziale Wunde" sind und kein unbedenkliches Menschenrecht.

Diese moralische Wertung hat nicht nur die Kirche vorgenommen, sondern auch der heimische Gesetzgeber. Die Fristenlösung stellt zwar Schwangerschaftsabbrüche bis zur 12. Woche straffrei, qualifiziert sie jedoch als "Unrecht". Hier hat der Papst eingehakt und mahnend darauf hingewiesen, dass diese Unterscheidung in der gelebten Wirklichkeit eingeebnet worden sei.

Gegen diese Banalisierung vom Gesetz zur Praxis hat das Kirchenoberhaupt seine Stimme erhoben. Er hat in Wahrheit, so paradox es klingt, für und nicht gegen die Buchstaben des Gesetzes argumentiert. Frauenministerin Bures, die noch in der Nacht die Sirenen anwarf, kann Entwarnung geben.

Die Fristenlösung nach dreißig Jahren wieder auf die Agenda zu setzen, würde niemandem zugute kommen. Es würde alte Gräben aufreißen und die schrecklichen Vereinfacher auf beiden Seiten zurück auf die Bühne locken: Jene, die eifernd von "Mord" reden und die anderen, die das moralische Dilemma mit dem Satz "mein Bauch gehört mir allein" abtun.

Die Kirche hat gelernt. Sie weiß, dass das Strafrecht kein Instrument ist, um die Problematik der Abtreibungen zu mindern. Es würde die Betroffenen nur in die abgedunkelte Illegalität treiben, unter Gefährdung ihrer Gesundheit. Leben schützen heißt nicht Frauen unter Strafe stellen.

Die Fristenlösung ist keine ethisch befriedigende Lösung, aber es findet sich keine befriedigendere. Weder die Abschaffung ist es noch die Verschärfung. Nur die Hoheit des individuellen Gewissens kann beidem gerecht werden, dem werdenden Leben und der werdenden Mutter.

Die Politik sollte die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich mehr Frauen in existentieller Bedrängnis für die Mutterschaft entscheiden und diese mit Freude leben können. Die Kirche sollte sie dabei unterstützen. Sie muss Verständnis für die Nöte aufbringen. Nur so kann sie Glaubwürdigkeit beanspruchen. Das hat nicht Alice Schwarzer gesagt, sondern Benedikt XVI. in der Hofburg.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001