"Die Presse" Leitartikel: "Die Sprache der Zuversicht" (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 8.9.2007

Wien (OTS) - Angesichts der Krise der Religion verordnet der Papst der Kirche Selbstfindung statt Anpassung. Auch in Wien.
Das Ziel dieses Pontifikats wird immer klarer: Nach einem Vierteljahrhundert der großen Gesten, der überraschenden Aufbrüche und für viele ebenso überraschenden Abbrüche will Benedikt XVI. die Kirche theologisch konsolidiert an seinen Nachfolger übergeben. Dazu gehört die Konzentration auf das Wesentliche der Botschaft der Kirche, das sich in zwei Titeln zusammenfassen lässt: "Deus Caritas est", und "Jesus von Nazareth". Und dazu gehört andererseits die nachdrückliche Betonung auf die Tradition der Lehre, auf die Einheit der Kirche über die Zeiten hinweg: ob der Papst nun die Aussagekraft des Neuen Testaments vor den Relativierern verteidigt, ob er den Eindruck zu korrigieren versucht, vor der Liturgiereform von 1969 hätten die Katholiken jahrhundertelang falsch Messe gefeiert, oder ob er darauf besteht, dass das Konzil am Verständnis dessen, was "die Kirche" ist, nichts geändert hat.
Offenbar möchte Benedikt damit der katholischen Kirche wieder etwas von ihrer inneren Selbstsicherheit zurückgeben, die sie vor dem Konzil (zumindest in der Erinnerung) besessen hat. Denn eine grüblerische, zweifelnd gewordene Kirche kann weder im Angesicht des militanten Islam noch im Vakuum einer gottfern gewordenen Wohlstandsgesellschaft bestehen. Und dieses unversehrte Fortbestehen der Kirche im Kern ist wohl neben dem theologischen das historische Anliegen des Papstes.
Mit diesem Programm kommt der Papst auch nach Österreich. Was er hier sieht, ist nicht so außergewöhnlich im Westen: nicht eine Krise der katholischen Kirche allein, auch nicht nur eine Krise des Christentums, sondern eine tiefe Krise der Religiosität an sich. Der Aussage "Religion ist mir sehr wichtig" stimmen in Österreich 21 Prozent der Bevölkerung zu. Im Vergleich mit den Ländern Südamerikas, Afrikas und Asiens, wo die Zahlen zwischen 60 und fast 100 Prozent liegen, ist das sehr, sehr wenig.
Da hilft es auch nicht, sich daran zu klammern, dass es einen neuen Trend zu Spiritualität gibt. Spiritualität ist zunächst nur ein Anspruch - jemand, irgendetwas soll meine innere Leere füllen. Religiosität ist aber erst dann vorhanden, wenn jemand bereit ist, für ein Ziel, das er außerhalb des irdischen Lebens gefunden hat, auch Opfer zu bringen. Das macht für den Menschen einer modernen Gesellschaft, die darauf programmiert ist, Verzicht ohne absehbare Kompensation obsolet zu machen, Religion so unattraktiv und Spiritualität so nett.
Diese abendländische Krise der Religion ist älter als unsere Generation. Der 1945 von den Nazis umgebrachte Jesuit Alfred Delp sprach in diesem Zusammenhang von einer "Vertrauenskrise", von der "Unfähigkeit des gegenwärtigen Menschen zum Vertrauen überhaupt, besonders aber zum Vertrauen gegenüber der Wirklichkeit der Kirche". In diesem Licht kann man auch die Lösungsvorschläge betrachten, die die österreichischen Kirchen-Dissidenten gern mit dem Papst besprochen hätten.
Würde etwa eine Änderung der offiziellen katholischen Sexualmoral die Kirche in ihren Heilsversprechen vertrauenswürdiger oder bloß belangloser machen? Ist der Zölibat sinnvoll in einer, wie der jüdische Medienkritiker Neil Postman sagt, "ernsthaften und fordernden Religion" -, oder ein unnötiges Hindernis für die Anwerbung ausreichend vieler Seelsorger? Ist es ratsam, lieber den tausend Jahre alten Zölibat aufzugeben als die Pfarrgrenzen aus der Zeit Josefs II.? In diesem Zusammenhang muss man feststellen, dass der Auszug der Menschen aus den Kirchen sich bereits vollzog, als es noch sehr viel mehr Priester gab. Nicht wenn der Priester aus dem Pfarrhaus verschwindet, sondern das Gebet aus dem Alltag, scheint das Band zur Kirche zu reißen.

Wie aber schaffen die verbliebenen Christen wieder Vertrauen zu der Heilsbotschaft der Kirche, die einst jedes Opfer gering erschienen ließ? Ist da öffentliche Distanzierung vom Papst oder die Bekundung, dass einen der ganze Rummel kalt lässt, ein guter Weg? Gewiss, der Papstbesuch läutet kein neues Kapitel der Kirchengeschichte ein. Es wird keine aufregenden Kehrtwenden geben. Der Papst tut das, was er überall tut: den Platz der Kirche in der Moderne verteidigen, indem er auf der Vereinbarkeit von Glauben und Vernunft besteht. Er wird bekräftigen, dass die Kirche ihre Grundwahrheiten als absolut und unverrückbar begreift und gerade deshalb Wesentliches zur Kultur beitragen kann und muss. Er wird - bisweilen vergeblich - versuchen, deutlich zu machen, dass nicht der Papst das Wesentliche am Christentum ist, sondern die "Worte des ewigen Lebens". Nichts Spektakuläres also, keine Sensation. Und doch eine kraftvolle Manifestation der Kirche: "Es gibt uns noch, wir sind da, sind uns unserer Sache sicher, und das bleibt auch so. Habt Vertrauen."

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