"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Die Gesten des Pilgers Benedikt"

Das Christentum wurzelt im Judentum: Daran erinnerte der Papst in Wien.

Wien (OTS) - Es ist keine "politische Reise", sondern eine Pilgerfahrt: Papst Benedikt XVI. legt Wert auf diese Unterscheidung. Es sind daher keine Treffen mit anderen
Konfessionen vorgesehen. Es gab aber am Freitag ein Gedenken vor dem Mahnmal für die 65.000 ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden.
Gesten für die Opfer des Nationalsozialismus hat der Papst wiederholt gesetzt, etwa in Köln und Auschwitz. In der dunkelsten Zeit der deutschen und europäischen Geschichte habe "eine wahnwitzige, neuheidnische Rassenideologie zu dem staatlich geplanten Versuch der Auslöschung des europäischen Judentums geführt", sagte der einstige Flakhelfer vor zwei Jahren in der Kölner Synagoge. Für seine Ansprache erhielt er damals den stehenden Applaus der Synagogen-Besucher.
Am gestrigen kalten Regentag in Wien, vor dem Mahnmal der britischen Künstlerin Rachel Whiteread, gab es weder Applaus noch große Reden. Doch die Botschaft des prominenten Pilgers war klar:
Die Wurzeln des Christentums liegen im Judentum. Und: "Es gehört zur Tragik dieser Stadt, dass gerade hier diese Wurzel vergessen, ja verleugnet wurde bis hin zum gottlosen Willen, das Volk zu vernichten, dem Gottes erste Liebe gilt" (Kardinal Schönborn). Solche Bekenntnisse sind wichtig im Kampf gegen den Antisemitismus und die wachsende Fremdenfeindlichkeit. Die Kirche kann ihre gesellschaftliche Rolle nur bewahren, wenn sie ihre Position in allen wesentlichen Fragen entschieden und glaubhaft vertritt.
Die kurze, aber beeindruckende Zeremonie am Judenplatz war eine wichtige Station der Wallfahrt des Papstes. Er befindet sich in einem alten katholischen Kernland, das "durch schmerzliche Zeiten gegangen ist" - so formulierte es der Erzbischof von Wien bei seiner Ansprache in der Kirche Am Hof. Die Institution wurde in den vergangenen Jahren durch Skandale (Stichwort Groer) geschwächt. Die Kirche ist vielfach auf ihre Traditionen zurückgeworfen. Sie hat zahlreiche Gläubige enttäuscht, und bei den Schwankenden wird sie durch die postmoderne Beliebigkeit geschwächt. Schönrednerei hilft da nicht weiter: "Die Katholiken sind oftmals in Gefahr, mutlos zu werden, zu resignieren oder gar die Hoffnung zu verlieren", sagte Schönborn ungewohnt klar.
Ob der Papst die gewünschte Zuversicht geben kann, wird sich in diesen drei Tagen zeigen. Bei sogenannten heißen Eisen, z. B. bei der Zölibatsfrage oder dem Priesteramt für Frauen, ist keine Bewegung zu erwarten. Priesterehe, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft, künstliche Empfängnisverhütung, Abtreibung, oder Sterbehilfe - all das ist indiskutabel für den früheren Präfekten der Glaubenskongregation.
Wichtig wäre eine glaubwürdige und dauerhafte Ermutigung für die verzagten Gemeinden. Kritiker werfen diesem Papst vor, er stehe für Rückschritt statt Fortschritt. Es wäre nun an ihm, sie durch Wort und Tat zu widerlegen.

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