• 06.09.2007, 12:56:41
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Lebensmittelpreise: Bauernvertreter gehen in die Offensive

Bioenergieproduktion nicht Schuld an höheren Konsumentenpreisen

Wien (AIZ) - Die aktuelle Diskussion über steigende
Lebensmittelpreise und die Rolle der forcierten Bioenergieproduktion
standen heute im Mittelpunkt des agrarischen Herbstauftaktes im
Rahmen der Rieder Messe. "Dass sich die Märkte wieder positiv
entwickeln und nach Jahren sinkender Erzeugerpreise wieder höhere
Erlöse erzielt werden, ist wichtig für die bäuerliche
Einkommensentwicklung. Die jüngste Preisentwicklung hat aber nichts
mit der forcierten Biotreibstoff-Erzeugung zu tun, denn dafür sind
die Rohstoff-Mengen vorhanden", betonte Landwirtschaftsminister Josef
Pröll. "Für die Landwirte gibt es klare Prioritäten: Zuerst kommt die
Erzeugung hochwertiger Lebensmittel, dann die Futtermittelproduktion
und nur die übrigen Flächen werden für Bioenergie verwendet", stellte
Bauernbundpräsident Fritz Grillitsch klar. Der Präsident der
Landwirtschaftskammer Österreich, Gerhard Wlodkowski gab zu bedenken,
dass zusätzliche bäuerliche Einkünfte wieder investiert und damit
zahlreiche Arbeitsplätze gesichert werden. Einer in diesem
Zusammenhang diskutierten Kürzung von Förderungen erteilte er eine
klare Absage.

Faire Preise für Konsumenten und Bauern

"Die aktuellen Diskussionen über Lebensmittelpreise und
erneuerbare Energien zeigen, dass eine funktionierende Landwirtschaft
auch für die Gesellschaft von vitalem Interesse ist. Die
österreichische Agrarpolitik hat in der Vergangenheit die Weichen
richtig gestellt und ist weiterhin bemüht, den Konsumenten beste Ware
zu einem fairen Preis zu liefern", hielt Pröll fest.

Biokraftstoffproduktion: Mengen und Kapazitäten vorhanden

"Wenn wir auf hochwertige Lebensmittel setzen und gleichzeitig
Biokraftstoffe forcieren, so ist das kein Widerspruch. Die aktuelle
Preisentwicklung im Lebensmittelbereich hat nichts mit unserem
Ökoenergie-Schwerpunkt zu tun. Wir verfügen in Österreich über rund
1,3 Mio. ha bewirtschaftetes Ackerland. Im Jahr 2006 betrug die
traditionelle Biodieselproduktion 121.665 t, das beanspruchte rund
35.000 ha Fläche vorwiegend für Winterraps. Die Ausbaupläne für
Bioethanol werden rund 75.000 ha für die Rohstoffbasis in Anspruch
nehmen, zusammen wären das insgesamt 105.000 ha Ackerfläche, die für
Ökoenergie in Anspruch genommen würde, also weniger als 10% der
Ackerfläche", rechnete Pröll vor. Dem stünden 100.000 ha
Bracheflächen gegenüber. "Wenn die EU wie gefordert die
Stilllegungsflächen freigibt, dann ist jedenfalls genug
Flächenpotenzial für die Nahrungsmittel- und die
Biotreibstoffproduktion Vorhanden", unterstrich der Minister.

Grillitsch: Versorgung wird in allen Bereichen gesichert

"Durch die Forcierung erneuerbarer Energie werden bis 2012 im
ländlichen Raum 20.000 Arbeitsplätze neu geschaffen", gab
Bauernbundpräsident Grillitsch zu bedenken. In diesem Zusammenspiel
gebe es eine ganz klare Botschaft an die Konsumenten: "An allererster
Stelle steht zweifelsohne die Versorgungssicherheit mit heimischen
Lebensmitteln, und zwar zu gerechten Preisen. Zweitens brauchen wir
auch weiterhin für unsere 120.000 Veredelungsbetriebe
Qualitätsfuttermittel zu leistbaren Preisen. Alle darüber hinaus zur
Verfügung stehenden Flächen werden zur Produktion von Bioenergie
herangezogen", zeigte der Bauernbundpräsident klar die Prioritäten
auf.

"Derzeit werden rund 70.000 ha zur Erzeugung erneuerbarer Energie
verwendet. Bis 2010 werden 230.000 ha benötigt. Die Nutzung von
Stilllegungsflächen, die Umlenkung von Billigexporten und die
Forcierung von Energiehölzern sind weitere Möglichkeiten, den
erhöhten Bedarf nach Alternativenergie abzudecken. Wir können und
werden saubere, heimische und nachwachsende Energie liefern, ohne
dabei die Versorgung mit Lebens- und Futtermitteln zu gefährden",
zeigte sich Grillitsch überzeugt. In diesem Zusammenhang bekräftigte
er abermals seine Forderung nach der raschen Überarbeitung des
Ökostromgesetzes.

Wlodkowski: Agrarpreis-Erhöhung wird von Bauern wieder investiert

"Die nun um rund 3% gestiegenen Lebensmittelpreise stabilisieren
erstmals nach vielen Jahren die bäuerlichen Einkommen und kommen
gleichzeitig Wirtschaft und Arbeitsmarkt direkt zugute. Einerseits
müssen sich nämlich die Bauern das Preis-Plus bei Lebensmitteln mit
Verarbeitern und Handel teilen und andererseits werden die
zusätzlichen Einkünfte von der Landwirtschaft sofort wieder
investiert", stellte LK-Präsident Wlodkowski klar.

Bei Gesamtausgaben von rund EUR 6,3 Mrd. betrugen laut Wlodkowski
allein im Vorjahr die bäuerlichen Investitionen in Industrie und
Gewerbe EUR 3 Mrd., wovon 516 Mio. für bauliche Investitionen und 835
Mio. für Maschinen ausgegeben worden sind. "Die Landwirtschaft
sichert so jährlich tausende Arbeitsplätze und belebt Wirtschaft und
Handel im ländlichen Raum", betonte der Präsident.

Widerstand gegen voreilige Kürzungs-Pläne

"Wenn nun aufgrund internationaler Entwicklungen die
Lebensmittelpreise nach Jahren der Flaute um 3% steigen - im selben
Zeitraum wurden Energie um 5 bis 10% und der öffentliche Verkehr um
10% teurer - dann bedeutet das für uns Bauern, in unsere Höfe zu
investieren, um diese wettbewerbsfähiger zu machen. Jetzt wegen einer
einmaligen Preissteigerung, die noch lange keinen Trend darstellt,
sofort von Kürzungen der Leistungsabgeltungen und Ausgleichszahlungen
zu sprechen, wäre nicht nur allzu voreilig, sondern würde die
Wirtschaft und den Arbeitsmarkt um Millionen-Investitionen bringen",
warnte Wlodkowski.

Bauern erhalten keine Geschenke

"Die Mittel für das Österreichische Umweltprogramm und die
Ausgleichszahlungen für die Bergbauern sind die wichtigsten
Förderschwerpunkte, sie sind aber keine Geschenke. Sie werden für
ständige Benachteiligungen wie bei den Bergbauern oder für konkrete
Leistungen, wie beim Umweltprogramm, bezahlt. An dieser
Grundkonstellation darf auch der 2008 anstehende EU-Gesundheits-Check
nichts ändern", forderte Wlodkowski. Rückendeckung erhielt er
diesbezüglich von Vizekanzler Wilhelm Molterer, der beim Bauerntag
auf der Rieder Messe klarstellte, dass er von einer Umverteilung der
Agrarförderungen in andere Bereiche nichts halte.

Sonnleitner: Landwirte beackern Zukunftsmärkte

Unterstützung erhielten die österreichischen Agrarier auch vom
Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner. Er warb
bei den Konsumenten um Verständnis für die jüngsten Preiserhöhungen
bei Milchprodukten: "Unsere Lebensmittel sind seit Jahren EU-weit auf
dem niedrigsten Preisniveau und waren die Inflationsbremse Nummer 1",
hielt Sonnleitner fest. Angesichts der gestiegenen Produktionskosten
für Futter und Energie sowie der hohen Produktionsstandards seien
jetzt höhere Milcherzeugerpreise dringend nötig.

"Mit der Bioenergieerzeugung beackern die Bauern nunmehr einen der
wesentlichen Zukunftsmärkte", so der Präsident. Er warnte aber vor
blinder Euphorie in Bezug auf nachwachsende Rohstoffe: "Es ist ein
Marktsegment, aber jeder muss sauber kalkulieren und das nötige
Know-how beherrschen, wenn er damit ökonomisch erfolgreich sein
will." Kernaufgabe der Landwirtschaft bleibe die Versorgung der
Menschen mit hochwertigen Lebensmitteln. Jüngste Umfragen im Rahmen
des "Konjunkturbarometers Agrar" zeigten laut Sonnleitner, dass die
Stimmung innerhalb der deutschen Landwirtschaft derzeit sehr positiv
ist. "Die Gesellschaft braucht uns wieder, Bauer zu sein ist
sozusagen wieder sexy", erklärte Sonnleitner.
(Schluss) kam

Rückfragehinweis:
AIZ - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst
Tel: 01/533-18-43, mailto:[email protected]
http://www.aiz.info
FAX: (01) 535-04-38

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