Die Schule als "lernbehindernde" Institution?

Supervisor/innen erstellen "Schummelzettel" mit Reformvorschlägen für die Bildungsministerin

Wien (OTS) - Im Rahmen des heutigen Pressegesprächs in Wien gaben schulerfahrene Supervisor/innen und Bildungsexpert/innen Einblick in die problematische Situation an Österreichs Schulen und präsentierten konkrete Reformvorschläge für die Bildungsministerin.

Die Österreichische Vereinigung für Supervision, ÖVS, ist erste Ansprechpartnerin in Österreich, wenn es um professionelle, fachlich fundierte und international ausgerichtete Supervision geht. 120 der über 1.100 österreichischen ÖVS-Supervisor/innen kommen direkt aus dem Lehrberuf, rund jede/r dritte ÖVS-Supervisor/in ist an Schulen im Einsatz. Pro Jahr werden annähernd 1.500 Lehrer/innen supervidiert. "Supervisorinnen und Supervisoren sind täglich mit Problemen, wie fehlende Ressourcen, Lehrer-Burn-out, starre Lernstrukturen und überholte Zeit- und Raumkonzepte, konfrontiert", bringt Dr. Wolfgang Knopf, Vorsitzender der ÖVS, die dringlichsten Mängel auf den Punkt.

"Innerhalb der Schule gibt es einen enormen Widerspruch zwischen formulierten Zielen und praktizierter Wirklichkeit", stellt Mag. Peter Frenzel, Supervisor und Coach, fest. Es wirke ein "geheimer Lehrplan", der die tatsächlichen Erfordernisse zeitgemäßer Bildung sabotiere. "In der Lehrer/innenausbildung werden oft Inhalte vermittelt, die im Organisationsrahmen der Schule aufgrund fehlender Rahmenbedingungen nicht umgesetzt werden können. Inputs von außen sind nicht erwünscht, das führt zum "Schmoren im eigenen Saft", beschreibt Supervisorin Mag. Erika Luser, die als ausgebildete Lehrerin das Schulsystem von innen bestens kennt. "Das System Schule muss weg von seiner Engstirnigkeit, hin zu einer offenen lernwilligen Organisation, die auf Veränderungen eingeht und Lernen als kreativen Prozess zulässt", fordert Luser.

In die selbe Kerbe schlägt Ao Univ.Prof. Dr. Wilfried Datler, Studienprogrammleiter des Instituts Bildungswissenschaft an der Universität Wien: "Der Lernerfolg von Kindern und Jugendlichen hängt wesentlich von den Gefühlen und Einschätzungen ab, die einem Lerngegenstand entgegengebracht werden; und diese Gefühle und Einstellungen werden maßgeblich von den Erfahrungen beeinflusst, die Schüler mit ihren Lehrern im schulischen Alltag machen."

Mangelhaftes Schulsystem

Die Liste der von den Supervisor/innen festgestellten Mängel im Detail:

  • Überfrachtung des Lehrpersonals mit zusätzlicher Sozialarbeit, Elternarbeit und Verwaltungstätigkeit. Dadurch schlittern viele Lehrer/innen ins Burn-out.
  • Inadäquates Entlohnungssystem für Lehrer/innen; persönliches Engagement wird eher bestraft als belohnt.
  • Unterricht findet hinter verschlossenen Türen statt; kaum fachlicher Austausch unter Kolleg/innen und geringe Feedback- Kultur mit Schüler/innen und Eltern.
  • Völlig veraltete Raumkonzepte behindern kreatives Arbeiten im Unterricht; kein Platz für die Arbeit der Pädagog/innen außerhalb des Klassenzimmers.
  • Beurteilungssysteme basieren auf Fehler und Tadel statt auf Leistungsförderung. Das Wiederholen einer Schulstufe kostet den Schüler/innen oft mehr Kraft als das Nachlernen des Stoffes im bestehenden Klassenverband.
  • Starrer 50-Minuten-Takt ist nicht für jede Art von Unterricht optimal.
  • Einheitliche Leistungsvorgaben für Schüler/innen der selben Altersstufe ist ein "Mythos".

"Schummelzettel" für die Bildungsministerin

Supervisor/innen haben konkrete Reformvorschläge für eine offene, lernwillige Schule der Zukunft ausgearbeitet. Knopf: "Wir hoffen, dass unsere Forderungen und Anregungen als konstruktiver Beitrag gesehen und dementsprechend behandelt werden." Der "Schummelzettel" wird noch heute Bildungsministerin Dr. Claudia Schmied übermittelt.

  • Bereitstellung von Rahmenbedingungen und Ressourcen, die eine kontinuierliche Entwicklung der Organisation Schule ermöglichen.
  • Reform der Lehrer/innenausbildung: Kontakt mit Institutionen außerhalb der "Schulwelt", kritische Reflexion der Berufswahl, Selbst- und Fremdbeobachtung, Entwicklungspsychologie, Gehirnforschung, Didaktik und Methodik, Geschichte der Institution Schule, etc.
  • Aufheben der gesellschaftlichen Widersprüche, die in die Schule übertragen werden. Modernisierung des veralteten Gesellschaftsbildes, das bisher vermittelt wurde.
  • Adaptierung des Raumkonzeptes, um pädagogisch sinnvolles Handeln zu ermöglichen: Arbeitsräume für Lehrer/innen, unterschiedliche Lernbereiche für Schüler/innen.
  • Entwicklung hin zu einer lernenden Schule: Anpassen der Stundenpläne und Unterrichtseinheiten an die Bedürfnisse des Lehrens und Lernens.
  • Förderung kreativer Kompetenzen und der emotionalen Intelligenz statt Überbetonung der Verstandesaspekte.
  • Die Verantwortlichen im Schulsystem müssen selbstbewusster die erforderliche Unterstützung und Änderung einfordern.
  • Berufsbegleitende Supervision: Schaffung einer gesicherten Stelle, die Reflexionsmöglichkeit und Hilfestellungen bietet.

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Österreichische Vereinigung für Supervision
Mag. Ingrid Walther, Geschäftsführerin ÖVS,
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