"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Riskantes Pokerspiel" (Von Manfred Mitterwachauer)

Ausgabe vom 5.September 2007

Innsbruck (OTS) - Ende gut, alles gut? Das Fassadenpoker rund ums Kaufhaus Tyrol hält ganz Tirol seit sage und schreibe zwölf Monaten in Atem. Und geht vielen schon gehörig auf den Geist. Weder der mit überwältigender Mehrheit einer anerkannten Fachjury gekürte Wettbewerbssieger noch der als Kompromiss hoch gelobte zweite Entwurf stießen auf eine breite Akzeptanz - und fielen durch. Beide hinterließen vorerst nichts anderes als verbrannte Erde: beim Investor, dem Denkmalamt und der Politik.

Wären sich zwei andere gegenübergestanden als Kaufhaus-Investor René Benko und Landeskonservator Franz Caramelle - wer weiß, ob nicht schon früher ein Projekt den Segen aller bekommen hätte. Aber Benko und Caramelle sind beide ausgefuchst, bereit bis zum bitteren Ende riskant zu pokern - und ihr Einsatz war hoch.

Hier das Versprechen einer 120-Millionen-Euro-Investition im schwächelnden Herzen der Innsbrucker Innenstadt. Dort das Bestreben, das Erbe der Väter für nachfolgende Generationen zu sichern. Beide scheuten nicht davor, Taten zu setzen, um ihre Karten zu verbessern. Caramelle zückte den Ensembleschutz, verhinderte dessen Aufhebung mit einem rechtlichen Kniff und brachte damit letztlich die Käsefassade um. Benko seinerseits riss zwei der drei alten Kaufhaus-Häuser nieder und ließ Kanzler Gusenbauer vor Ort die Werbetrommel für den ungeliebten, aber behördlich bewilligten Neumann-Kompromiss rühren. Ein Patt, das keinem so recht schmecken wollte. Und die Politik? Über ihre Rolle als Vermittler kam sie nicht hinaus.

Eine Einigung war daher das Gebot der Stunde. Beide gaben nach. Benko garantiert mit dem englischen Stararchitekten David Chipperfield maßvolle Qualität in der Prachtstraße, Caramelle ebnet dem Neubau den Weg. Das letzte Kaufhaus-Ass scheint für beide Seite zu stechen. Ende gut, alles gut? Abwarten und Tee trinken, wie schon die Engländer sagen. manfred.mitterwachauer@tt.com

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