DER STANDARD-Kommentar: "Mit hängenden Schultern" von Gudrun Harrer

"Die Briten sind in Basra genauso gescheitert wie die Amerikaner im Zentralirak"; Ausgabe vom 4.9.2007

Wien (OTS) - Es ist richtig, was Großbritanniens Premier Gordon Brown sagt, nämlich dass der Rückzug der britischen Truppen aus der Stadt Basra geplant war, das heißt, nicht überstürzt vonstatten geht. Selbstverständlich wollten und sollten die Briten irgendwann einmal gehen. Was aber ebenfalls gewiss ist: Sie hätten sich, als sie 2003 dort die Kontrolle übernahmen, wohl nicht träumen lassen, in welchem Zustand sie Basra, die Stadt und die Provinz, einst wieder an irakische Sicherheitskräfte übergeben würden. Und in welchem Zustand sie dabei selbst sein würden. Es ist ein trauriger Rückzug, einer mit hängenden Schultern.
Nicht dass Basra, das einmal als "Venedig des Ostens" für seine Weltoffenheit berühmt war, nicht schon 2003 schlimm ausgesehen hätte. In den Kriegen beschädigt, vom irakischen Regime jahrzehntelang systematisch vernachlässigt und abgestraft, hat die Stadt den Prozess der Verelendung und Entkulturalisierung mitgemacht, der die Rehabilitation der irakischen Gesellschaft heute so schwer macht. Das einstige Symbol der orientalischen Urbanität, das weit über den Irak hinausstrahlte, wird heute von Stämmen und ihren prämodernen Mustern sowie kriminellen Gangs dominiert, von denen die politischen Gruppen nur schwer zu unterscheiden sind. Die Briten waren zuletzt längst nicht mehr als einer der vielen Akteure, bemüht, sich nicht allzu sehr in den Sumpf hineinziehen zu lassen. Und damit, sich vor Raketen und Mörsern zu schützen. Da verbessern es sich die 500 Soldaten, die am Montag von der Stadt auf den Flughafen abrückten, nicht wesentlich: An die 600 Angriffe hat es dort in den vergangenen vier Monaten gegeben.
Die Briten hatten stets den PR-Vorteil, dass man die Situation im Süden mit der im Zentralirak verglich. Selbstverständlich gab es -mangels signifikanter Zahlen baathistischer und extremistischer sunnitischer Terroristen - viel weniger Anschläge. Die dominierenden Schiiten, die durch den US-britischen Einmarsch befreit wurden (wobei man nicht so tun sollte, als seien alle Baath-Parteibonzen im Süden Sunniten gewesen), arrangierten sich zu Beginn in der Mehrzahl mit der Besatzungsmacht, deren Präsenz dann ja auch durch UNO-Resolutionen legitimiert wurde.
Womit Amerikaner und Briten nicht gerechnet hatten, war, dass sich die größte Schiitenpartei (Oberster Rat, SIIC), mit der sie kooperiert hatten, als Ordnungsmacht eben nicht einmal ansatzweise durchsetzen konnte. Was Basras Startvorteil sein sollte - der Ölreichtum -, zeigte sich als Fluch. An diesem Kuchen wollten alle beteiligt sein.
Heute geht es bei den Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen oft nur mehr um die Kontrolle des organisierten Verbrechens. Unter diesen Umständen funktionierende staatliche oder zivilgesellschaftliche Institutionen aufzubauen, war völlig unmöglich. Und die Bevölkerung ist auf den Schutz durch Milizen angewiesen, es gibt keinen Staat, nicht auf nationaler und nicht auf regionaler Ebene, der sie schützt. Und auch die Briten haben das nicht vermocht.
Zuletzt kamen vernichtende Befunde aus den USA über die Performance der britischen Armee im Süden, und tatsächlich, am Bild der in einer Wagenburg Verschanzten, um die die Indianer tanzen, ist schon etwas dran, wenn die Briten jetzt auf ihrem Airstrip sitzen. Überflüssig zu sagen, dass diese amerikanischen Kritiker den Steinewerfern im Glashaus gleichen. Die britische Retourkutsche konnte nicht ausbleiben, die die prinzipielle Schuld an dem Desaster wiederum den Amerikanern, sprich dem inzwischen in der Versenkung verschwundenen damaligen Pentagonchef Donald Rumsfeld, zuschreibt.
Britische Kommentatoren sehen bereits eine echte Belastung der "Special Relationship", der besonderen Beziehung, zwischen London und Washington. Vielleicht kann man sich ja auf einer neuen Ebene wiederfinden - der der Illusionslosigkeit, was die eigenen Leistungen und Möglichkeiten betrifft. Wenn nur kein "Hinter uns die Sintflut" daraus wird.

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