Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Der Nutzen des Scheiterns

Wien (OTS) - Als George W. Bush im Irak einmarschierte, hatte er mehrere erklärte wie versteckte Ziele: Beseitigung von Massenvernichtungswaffen (sie wurden nie gefunden), Ersetzung von Saddam Husseins Schreckensherrschaft durch ein demokratisches System (statt dessen kamen Bürgerkrieg, Massenflucht und Chaos), Stabilisierung des Raumes (kaum geschafft), Einschüchterung des Iran (das Gegenteil wurde erreicht: Teheran tritt heute oft als globaler Haupt-Herausforderer der USA auf).

Alle Ziele verfehlt. Und doch hat der Schlag gegen den Irak positive Folgen - anderswo: in Libyen und in Nordkorea. Beiden fuhr Bushs Krieg massiv in die Knochen. Libyen lieferte bald darauf zwei seiner Geheimdienstler als Terroristen aus, zahlte Entschädigungen für den Anschlag von Lockerbie und rückte dem Westen so nahe, dass -nach Beendigung des Dramas um die bulgarischen Krankenschwestern -Frankreich nun sogar einen De-facto-Pakt mit dem Land schließen konnte.

Und auch bei dem - psychiatrisch noch schwerer zu behandelnden -Patienten Nordkorea erzielt der kontinuierliche und seit Irak ernst genommene Druck der USA nun Wirkung. Dieser Druck hat zusammen mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch im Inneren und dank dem Versprechen üppiger Wirtschaftshilfe den verrücktesten Staat der Welt offensichtlich zum Einlenken in Sachen Atomwaffen gebracht.

Die friedensmehrenden Erfolge mit Libyen und Nordkorea besagen freilich keineswegs, dass Amerikas irakische Lügen und seine Konzeptlosigkeit für die Zeit nach der Invasion zu rechtfertigen wären. Aber sie lehren uns sehr wohl, dass eine Politik der Stärke oft eine Drittwirkung hat und ganz andere Probleme löst als die eigentlich anvisierten.

Sie beweisen aber auch, dass Härte nur dann erfolgreich ist, wenn dem Gegenüber zugleich eine positive, friedliche und nutzenbringende Alternative angeboten wird. Europa bringt hingegen immer nur solche netten Alternativvorschläge in die Weltpolitik ein. Und wird deshalb nirgendwo wirklich ernst genommen. Wer nur mit dem Scheckbuch agiert, aber nie Konsequenz (ja meist nicht einmal innere Einigkeit) zeigt, der wird in der Weltpolitik immer nur eine Nebenrolle spielen. Wo er doch so furchtbar gerne einmal wirklich wichtig wäre.

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