"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wenn wir länger arbeiten sollen, dann bitte mit mehr Freude" (Von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 31.08.2007

Graz (OTS) - Waldo McBurney ist Bienenzüchter in Kansas, USA. Dass der Mann die österreichische Pensionsdebatte verfolgt, ist nicht anzunehmen, aber täte er es, wäre er gewiss erstaunt. Denn McBurney ist 104 Jahre alt und somit der älteste Arbeitnehmer Amerikas. In den USA, wo 6,4 Prozent der Über-75-Jährigen noch arbeiten, erregt so etwas nicht Mitleid, sondern Bewunderung.

Amerika kann und soll nicht das sozialpolitische Vorbild für Österreich sein. Immerhin arbeiten ja nicht alle Alten aus Spaß an der Freud', sondern viele aus bitterer Not. Aber als dezenter Hinweis, dass das heimische Pensionsalter von 65 Jahren nicht gottgewolltes Naturgesetz ist, taugt der Blick über den Atlantik allemal.

Einige Eckpunkte der Bevölkerungsentwicklung sind nämlich unumstößlich. Unserer Gesellschaft fehlen die Kinder, während die älteren Menschen immer länger leben. Wenige Junge, viele Ältere der Kollaps ist absehbar.

Die drohende Schieflage ist deshalb fatal, weil jede Änderung des Systems lange Vorlaufzeiten hat mathematisch und politisch. Außerdem ist die Kreativität der Betroffenen grenzenlos, wenn es darum geht, Lücken im System auszunützen. Die unter größten Mühen geborene Pensionsreform 2003 bietet das beste Beispiel: Die Frühpensionen wurden zwar spürbar eingeschränkt, doch im Gegenzug schnellen derzeit die Invaliditätspensionen rapid in die Höhe.

Wenn demnächst die geburtenstärksten Jahrgänge in Pension gehen, bleiben nur zwei Wege: deutlich weniger Pension oder deutlich höhere Pensionsbeiträge der Aktiven. Dass man vor diesem Hintergrund einen dritten Weg die Anhebung des Antrittsalters sucht, ist vernünftig. Ohne flankierende Maßnahmen in den Firmen wird das aber nicht gehen.

Erstens: Zuerst gehört das faktische Antrittsalter gehoben, das derzeit bei 58 Jahren grundelt. Firmen müssen also aufhören, ältere Arbeitnehmer aus dem Job zu drängen.

Zweitens: Zwei Jahre länger arbeiten bedeutet 200.000 zusätzliche Dienstnehmer. Wo sind die dazugehörigen Jobs? Die Wirtschaft sucht heute vor allem junge, billige Kräfte. Diese Kultur muss sich ändern.

Drittens: Arbeit als Wert an sich muss auch im Alter attraktiv und erstrebenswert bleiben. Dazu bedarf es aber bester Arbeitsbedingungen.

Das Leitbild wäre kein Burn-out-, sondern ein Burn-in-Syndrom: mit Feuer und Flamme die eigene Schaffenskraft auskosten. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Vision. Und für die braucht man keinen Arzt.****

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